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Durch das wildtierreiche Ostafrika...
Der Materialtransport hatte geklappt. Wieder einmal hatte meine zurückgelassene Familie Ersatzteile zusammen gejagt und ein hilfsbereiter, nach Kigali fliegender Schweizer überbrachte das Material. Ich durfte endlich wieder beide Bremsen gebrauchen und musste nicht mehr wöchentlich das Sattelgestell schweissen lassen. Mein leider nur kurzfristiges 14-Tage-Visum war schon längst abgelaufen und die Lust auf eine Strafe und Verlängerungsgebühr zu bezahlen, hielt sich in Grenzen. Mir fehlen immer noch die Abendteuer und Herausforderungen des Kongos. Zudem scheint mein Respekt vor wichtigtuerischen Uniformierten langzeitig vermindert. Zum „Sanspapier“ geworden, machte ich mich auf Richtung Tansania, im Hinterkopf die Grüne Grenze. Mit Schrecken stellte ich auf einer genaueren Karte fest, dass die Länder durch einen Grenzfluss getrennt sind. Am nächsten Tag das Aufatmen: Touristen werden auf die Grenzbrücke gelassen, um die tosenden Rusumofälle zu fotografieren. Am Schlagbaum angekommen, wollten mich die Polizisten auf keinen Fall mit dem Fahrrad auf die kurze und zu übersichtliche Brücke lassen. So blieben mir nur der offizielle Weg und das Hoffen. Mit Herzklopfen stellte ich mich in die zu meinen Gunsten lange Schlange. Viele Wartende bedeutet mehr Druck und schnelleres, ungenaueres Arbeiten, so hoffte ich. Tausend Ausreden bereit, war ich an der Reihe. Der Beamte wollte schon zum Stempel greifen, als mein Herz aussetzte. Ich Idiot hatte die Visumsquittung, mit riesigem Datum darauf, nicht aus dem Pass genommen. Genau dieser Zettel flatterte jetzt auf den Tisch. Er betrachtete das Dokument, lachte mir zu, drückte den Stempel in den Pass, - der Tonnen schwere Stein fiel mir vom Herzen – er liess mich ungeschoren ausreisen. Die Erfahrung als „Sanspapier“ ist abgeschlossen; und die Erleichterung ist gross, bei Strassenblockaden den Pass wieder ohne die Angst geschnappt oder angezeigt zu werden, zeigen zu können. Die Region der grossen Seen, das grösste Pulverfass Afrikas, ist übersäht mit Flüchtlingslagern. Während mir in Ruanda drei Mal der Besuch und das Fotografieren verweigert wurden, ist das Lager in Tansania so von der Welt vergessen und unorganisiert, dass alles möglich ist. Seit sieben Jahren lungern die Burundis (Leute aus Burundi) vor den mit UNHCR-Plastik abgedichteten Blätterhütten herum und warten. Arbeiten ist nicht erlaubt. Die von mir zuerst als Motorsensen gehaltenen Minensuchgeräte und die gravierenden Sicherheitsprobleme liessen mich bald in die Pedale treten. Tansania war Balsam für meine angespannten Nerven. Ich hatte sogar Angst kein Futter zu finden, weil die Savannen im Vergleich zu Ruanda so menschenleer waren. Von einem 16.00 Uhr - Gewitter heimgesucht, flüchtete ich in einen verlassenen, mit Stroh gedeckten Unterstand am Strassenrand. Da die Sturzbäche vom Himmel nicht nachlassen wollten, entschied ich mich fürs Wassersammeln und Schlafplatzeinrichten. Eingeseift hinter einem Savannenbusch duschend, stoppte der Regen ebenso plötzlich wie er angefangen hatte. Meine letzten Wassertropfen brauchte ich um die Seife notdürftig vom Körper zu spülen und schwang mich danach wieder aufs Rad. Im nächsten Dorf war die Strasse gesperrt und ich nervte mich über den langsam herbeischlendernden Polizisten. Immerhin war es schon fast dunkel und es wurde immer schwieriger, einen guten Schlafplatz zu finden. Ich müsse hier übernachten, es sei wegen brutalen Banditen viel zu gefährlich, die Strasse in der Nacht zu befahren, wurde mir beschieden. Ob die Räuber wohl dachten, ich sei bereits überfallen worden, als ich weg von der Überwachungshütte, nackt im Regen stand? Auf Gastfreundschaft wird in Tansania und später in Kenia Wert gelegt. Nach Uganda und Ruanda führte ich unzählige interessante Gespräche und erlebte schöne Einladungen. Hühner wurden für den seltsamen Gast geschlachtet und Betten für den Besuch geräumt. Leider war auch das Heiraten wieder ein Thema. Meine Ausrede keine Kühe zu besitzen, wurde nicht akzeptiert. Zehn Fahrräder des Typs, den ich fahre, sei auch ausreichend… Im Wissen, nach dem Kenia-Abstecher wieder nach Tansania zurück zu kommen, war ich zügig unterwegs. Nahe der Tansania-Kenia Grenze wurde ich jedoch jäh gebremst. Eine junge Frau winkte und fuchtelte: „Schau, die schwarzen Wolken, in wenigen Minuten regnet es. Du kannst bei uns übernachten.“ Am nächsten Tag wurde mir das Dorf und die verschiedenen Handwerke gezeigt, am Tag darauf ein Besuch in die Zuckerrohrfabrik organisiert. Den stolzen Hausbesitzer bekam ich selten zu sehen, da er zu vier Frauen in eben so vielen Häusern schauen muss. Von einem seiner Freunde, übrigens Velomechaniker, wurde ich in sein 30 km entferntes Dorf eingeladen. Vier Tage lang unternahmen wir mit dem Fahrrad Touren im Land des traditionsbewussten Massai - Stammes. Von einem Massaichef eingeladen, hatte ich die Erlaubnis bei einer Versammlung fotografieren zu dürfen. Die Frauen sind von Kopf bis Fuss geschmückt mit Ketten, Ringen und nicht selten den bis zu Pingpong-Ball grossen Ohrenlöchern. Ich war wütend auf meinen Gastgeber, da wir wegen unendlichen Verzögerungen so spät kamen, dass nur noch der Chef im Garten sass. Tee trinkend, hörten wir plötzlich Geschrei. Der dünne Rauchfaden von der Zuckerrohrverarbeitung ist in wenigen Minuten zu einer riesigen, schwarzen Säule angeschwollen. Das halb abgeerntete Zuckerrohrfeld hatte Feuer gefangen. Der starke Wind vergrösserte das Flammenmeer rasend schnell. Noch nie hatte ich so ausdrucksstarke Bilder und Szenen gesehen; verzweifelte, im beissenden Rauch gegen die Flammen kämpfende, ihr Einkommen verlierende Bauern, die brüllende, in die Enge getriebene Kuhherde, die orangen, meterhohen Flammen, die riesige Rauchwand vor den pechschwarzen Gewitterwolken… ich zögerte, wagte mich nicht zur Kamera zu greifen. Mit einem abgehackten Ast stürzte auch ich mich in den verzweifelten Kampf gegen das verheerende Element. Wir versuchten eine Schneise, frei von brennbarem Material zu erstellen, um das Feuer am Ausbreiten zu hindern. Ob der Old Shatterhand-Regenmach-Trick-durch-Buschbrände funktioniert, oder ob es Zufall war, weiss ich nicht. Wir dankten auf jeden Fall den Göttern, dass der Himmel nach 10 Minuten alle Schleusen öffnete und uns der Regen beim Kampf zur Seite stand. Nach kurzer Zeit konnten wir nahe ans Feuer ran gehen und mit laubigen Ästen die restlichen Flammen tot schlagen. Während meines Aufenthaltes durfte ich in der mit Wellblech gedeckten Lehmhütte meines Gastgebers übernachten. Mit der jungen, noch Einkind - Familie teilte ich mir die 24 m2 . Dass der einzige Raum Schlaf-, Ess- und Wohnzimmer gleichzeitig ist, bin ich mir mittlerweile gewöhnt. Auch der Laden mit überfüllten Regalen und Maissäcken in einer Ecke, war nichts Neues. Als aber am Abend unsere Fahrräder herein geräumt wurden und die gesamte Hühnerzucht gackernd auf den Ladenregalen Platz nahm, fand ich es etwas überfüllt. Der Tisch wurde zum Nachbarn gebracht um mein Moskitonetz zu installieren. Als die Hühnerstunde anbrach, suchten die hungrigen Tiere verzweifelt den Weg zur Tür. Aufs Bett flatternd, bekamen sie einen Tritt, flüchteten und verfingen sich in meinem Netz. Gackernd rannten die verängstigten Tiere wild durcheinander. Zu meinem Leidwesen scheint es eine Verbindung zwischen Darmendmuskulatur und Angst zu geben… Oft werde ich von den Leuten vor den vielen wilden Tieren gewarnt… freue mich aufs Beobachten und Fotografieren, bekomme aber nichts zu sehen. Anders in Kenia. Bereits die riesigen Dunghaufen auf der Piste verrieten mir ein grosses Elefanten-aufkommen. Vorsichtshalber verzog ich mich noch vor derDunkelheit in mein Zelt und liess die Früchte draussen. Mitten in der Nach wurde die halbleere Plastikflasche, das Restwasser meiner Dusche, geschüttelt. Ich lag inmitten einer Herde Elefanten. Ein Schritt zuviel eines der riesigen Kolosse und ich wäre zur Flunder geworden. In der Ferne hörte ich Hyänen- und Löwengebrüll… das Wissen nicht mehr das erste Glied der Nahrungskette zu sein, verursacht ein mulmiges Gefühl. Am nächsten Morgen traf ich nach wenigen Metern auf Giraffen, Zebras und abermals auf Elefanten. Es ist schwierig sich vorzustellen, dass die bis zu 6.5 Tonnen schweren Tiere beim Gehen absolut keine Geräusche verursachen. Trotz aller Vorsicht war ich plötzlich inmitten einer Herde. Wegen eines trompetend heranstürmenden Bullen packte mich das erste Mal auf meiner Reise so ganz richtig eine riesige Angst. Ich rannte! Das Fahrrad, mein Haus, mein Auto, meine Freundin, mein Alles, liess ich im Stich. Von grossem Glück kann ich sprechen, dass das Ungetüm bereits nach einigen Metern inne hielt und seine Wut nicht an meinem Fahrrad ausliess… Am selben Tag besuchte ich ein Tierforschungszentrum nahe von Nanyuki, dessen Schild mir am Pistenrand aufgefallen war. Eigentlich nicht für Touristen, wurde ich trotzdem für zwei Nächte aufgenommen. Ein amerikanischer Trapper, der rund um die Welt für Forscher wilde Tiere fängt, fand meine Reise so spannend, dass er mich überall hin mitnahm. Am Morgen auf eine Safari, dann zu den Überresten einer von Löwen gerissenen Giraffe. Mit unglaublicher Präzision konnte er die Spuren am Boden und am Kadaver interpretieren. Natürlich fragte ich ihn, ob er nicht einen Handlanger brauche für einige Tage. Wegen einer bevorstehenden Reise in den Norden und den dafür nötigen Bewilligungen wurde leider nichts daraus und ich radelte stattdessen Richtung Nairobi. Zuvor traf ich jedoch zum vierten Mal David Rouge, den Schweizer Fotografen, den ich in Marokko kennen gelernt hatte. Wir luden das Rad auf seinen Jeep, fuhren mit seiner Freundin, die ihn momentan begleitet, für ein paar Tage zurück in das die wildreiche Gebiet. Wolken und nicht perfektes Licht verhinderten das professionelle Fotografieren leider weitgehend. Daher schauten wir Fotos an und erzählten uns bis spät in die Nacht Abendteuer aus dem Kongo. Gruss Adrian
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