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Mit einer Dhau nach Sansibar segeln PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Tuesday, 12 February 2008
Erlebnisse als quasi Bootsflüchtling...

In Tanga ärgerte ich mich, weil Ausländer gezwungen werden, ein 1.- Klasse-Ticket zu kaufen. Darum war es mir egal, dass ich die wöchentliche Fähre ins Ferienparadies Sansibar “verpasste”. Die Idee, mit einem Frachtschiff zu fahren, scheiterte daran, dass mir plötzlich der Hafenzutritt verweigert wurde und der gefundene Mittelsmann mein Vertrauen verspielte. Blieben also noch die Dhaus (hölzerne Segelschiffe), die von Kitumbui 70 km südlicher täglich bzw. nächtlich übersetzen. Eigentlich ist dies Ausländern, präziser Weissen, untersagt. Zu viele dieser Boote haben das andere Ufer nie erreicht. Als kürzlich vier Touristen verschwanden, war das Interesse der Presse gross. Negative Schlagzeilen schrecken Touristen ab. Also wurde ein Verbot ausgesprochen. Dass monatlich Landsleute absaufen ist egal, über die berichtet niemand.
Anstelle von 30 USD musste ich noch 5000 Shillinge (5.- sFr.) für mich und 2000 für das Rad berappen. Da der Passatwind um Mitternacht am zuverlässigsten weht, war Warten angesagt. Von den vielen Ertrunkenen beeindruckt, bastelte ich aus der Liegematte und dem Wassersack einen Schwimmkörper. Anschliessend legte ich mich vor dem Haus des Skippers auf den Betonplatten neben dem Rad schlafen.
Der Muzungu wurde als erster geweckt. Ich alleine mitten in der Nacht mit den drei Männern durch den Wald zum Strand spazieren? Zum Glück erwachten auch andere Reisende, die sich den besten Platz ergattern wollten.
Die Flut war gekommen und die 12 Meter Dhau nicht mehr zu Fuss erreichbar. In einem schaukelnden Einbaum wurde ich in der stockdunklen Nacht auf der pechschwarzen See zum Boot gestakst. Zwischendurch erhellte ein Blitz eines nahen Gewitters die Szene. Mist, wie viel dieser Service kostet, hatte ich nicht in Erfahrung gebracht. Ein fataler Fehler. Dummerweise verlangte der Stakser ebensoviel wie ich für die gesamte Überfahrt bezahlt hatte. Dass mit dem Preis etwas nicht stimmen konnte und er etwas hoch gepokert hatte, leuchtete bald auch ihm ein. Trotzdem konnten wir uns nicht einigen. Jedes Mal, wenn weitere Passagiere, Hühner, Holzkohle oder Bettgestelle angeschaukelt kamen, ging die Diskussion von neuem los. Als die Dhau mit Leuten überfüllt war, packte der Stakser mein Rad und wollte mich wieder an Land befördern. Ich will nicht nicht bezahlen, aber ich bezahle wegen meiner Hautfarbe nicht mehr! Zum Glück griff der Skipper ein, halbierte den zu bezahlenden Preis noch einmal und ich durfte bleiben.
Anker lichten und los ging’s, dem Gewitter entgegen. Der parallel zum Rumpf verlaufende Balken, an welchem das Segel hing, wurde mit einem Seil über eine Holzumlenkung am Mast hochgezogen. Vier Mann rissen “Hau Ruck”, “Hau Ruck” Zentimeter für Zentimeter. “Krxxx!”- die Besatzung und ich schienen die einzigen zu sein, die das Geräusch deuteten. Ich war auf der anderen Seite des Mastes und somit in Sicherheit. “Hau Ruck” und “Rumps” donnerte der 30 cm Durchmesserbaum, inklusive Segel aufs Deck runter. Wie durch ein Wunder wurde nur eine einzige Person am Kopf verletzt. So trieben wir eine Stunde in der Dunkelheit, während mit dem Ankerseil repariert wurde.
Körper an Körper gedrängt, versuchte jeder sich auf dem Gepäckberg einen Schlafplatz einzurichten. Immer wieder musste ich mein Rad verteidigen und in Sicherheit bringen, damit es in den Menschenmassen nicht unterging. Das konstante Geräusch der Wasser-aus-dem-Boot-Schöpfer wirkte auf mich nicht sehr beruhigend und so blieb ich den Rest der Nacht wach. Der Wind legte zu, die vorerst noch stille See begann aufzurauhen. Schon blitzten in der Dunkelheit die ersten Schaumkronen auf. Der Wellengang war zumindest für unsere Nussschale beträchtlich. Unablässig duschte ich in der Gischt der Wellen – dem Ankerseil nicht vertrauend, hatte ich die Luvseite gewählt um nicht unter dem Damoklesschwert sitzen zu müssen.
Wellenberg rauf, Wellenberg runter… plötzlich begann eine Frau laut zu stöhnen a zu schreien. Seekrank? Aber das Geräusch verlagerte sich nicht an die Bootswand und würgen musste sie auch nicht. In den geschätzten 20 Minutentakten wiederholte sich das Gestöhne - mit 64 Personen waren zumindest genügend Geburtshelfer zur Stelle…
Endlich, ein heller Streifen am Horizont. Endlich Tagesanbruch. Endlich sah ich zum ersten Mal unsere überfüllte, chaotische Schaukel.
Im Bauch begann es zu drücken. Bitte nicht. Das Prozedere wäre aufwändig. Man muss sich einen Kübel reichen lassen. Über die Bootswand hängen und mit Wasser füllen. Die Nachbarn verjagen um den Kessel auf dem Gepäck installieren zu können. Sich darauf setzten und die Notdurft – ebenfalls unter den Blicken von 64 Zuschauern – erledigen, zum Dhaurand balancieren und entleeren.
Land in Sicht! Endlich segelten wir im türkisfarbenen Wasser, umschaukelten die Insel Tumbatu und legten eine halbe Stunde später an.
Ob ein Bébé mehr die Dhau verliess, fand ich nicht heraus.

 

 
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