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22.12.2007 Zwei Monat in der Wirtschaftsmetropole Ostafrikas: Nairobi PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Monday, 31 December 2007
Die grössten Sub-Sahara-Slums, Arbeiten in der Schweizer Botschaft, Treffen mit Weltmeistern, vor der Kamera, Erfahrungen als Hausmann...


Ein eigenes Zimmer, mehr als 3 Liter Wasser zum Duschen, nicht immer zusammenpacken, nicht nur oberflächliche Gespräche führen, noch nie fühlte ich mich auf der Reise so wohl und verstanden. Sonja Reifler, eine Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft, hatte mich bereitwillig eingeladen. Mit den Problemen Reisender vertraut, da sie selber viele Monate mit dem Rucksack um die Welt gezogen war, verstanden wir uns auf Anhieb ausgezeichnet. Ich konnte mich für Kost und Logis wieder mal mit Computer-Reparaturen, W-LAN einrichten und nicht zuletzt als Hausmann revanchieren. Wobei mir Letzteres äusserst gefiel, jedoch stark zu relativieren ist. Auf mich entfielen gerade mal das Einkaufen und Kochen. Putzen, Abwaschen und Wäsche besorgen erledigte die täglich erscheinende Hausmaid. Zusätzlich wurde ich zum Chauffeur ernannt wofür selbstverständlich auch ein Mobiltelefon notwendig war. Kurz und gut, ein ernst gemeinter Rezivilsierungs-Versuch.

Die ersten Tagen war ich mit dem Webseiten-Update beschäftigt, das ich in der Schweizer Botschaft erledigen durfte. Nahtlos begann ich eine Idee die mir im Sattel gekommen war, zu realisieren. Eine Find-A-Biker-Webseite aufbauen, wo Langzeitradfahrer ihre Position mittels Google-Map angeben und so einfacher Kollegen treffen können.

Während wir an den Wochenenden Nationalparks besuchten, die mir mit dem Velo verwehrt geblieben wären, oder klettern gingen, war der Alltag gespickt mit spannenden Treffen und Unternehmungen.
So war Simone Niggli-Luder, die 14-fache OL-Weltmeisterin und Botschafterin von Biovision in Kenia zu Besuch. Der Botschafter lud auf die Schweizer Residenz zum Dinner. Als ich im gleichem Atemzug mit Simone, Benjamin Limo (kenianischer Weltmeister über 5000m) und Hans Herren (World Food Prize Winner) begrüsst wurde, fühlte ich mich sehr geschmeichelt…
Kenianische Freunde von Sonja nahmen mich mit in die weniger sicheren Quartiere Nairobis. Kibera ist der bekannteste und berüchtigtste Slum, wobei der Schock bei mir ausblieb. Der Unterschied zum Leben auf dem Land besteht “nur” in der Konzentration der Hütten und in den endlosen, stinkenden Abfallbergen wo Bewohner nach ihrem Glück tauchen. Ansonsten muss das Wasser nur wenige Meter angeschleppt werden. Es gibt sogar Strom und Flutlicht soll Kriminalität und Vergewaltigungen vorbeugen.

Nach zwei Wochen wurde ich kribbelig und war zunehmend gereizt. Unbegreiflich lange suchte ich nach dem Problem. Bewegungsmangel! Auf einem Secondhandmarkt lachten mich fast neue ASICS - Markenlaufschuhe an – ich konnte nicht widerstehen.
sFr. 25.-. befand ich als fairen Preis, müsste man in der Schweiz doch fast das zehnfache hinblättern. Danke dem Roten Kreuz. Von da an konnte ich im nahe gelegenen Park Runden drehen und das Training mit Schwimmen im Compound-eigenen Pool abrunden.

Sobald meine Weiterfahrpläne konkreter wurden, ergab sich die nächste Begegnung.
Der Hot-Rock-Truck war in Kenia. Das ist ein umgebauter Lastwagen der durch die Welt tourt, von Felsen zu Felsen fährt und Kletterer für beliebig lange Zeit mitreisen können. Für ein paar Tage besuchte ich die Gruppe und erlernte das traditionelle Klettern bzw. Absichern mit Klemmkeilen und Friends.

Als Dankeschön für die Benützung der Infrastruktur in der Botschaft wollte ich den Mitarbeitern meine Reise an Hand von Bildern vorstellen. Mangels geeignetem Raum fragten wir einen Schweizer Restaurantbesitzer. Selbstverständlich! Wieder einmal wurden für mich alle Tore aufgerissen und alle Räder in Bewegung gesetzt. Er sponserte zusammen mit einem österreichischen Bäcker sogar einen Apéro. Wie kann man mit 420 Bildern in 2 Stunden über eine nun schon mehr als 1½ jährige Reise berichten? Nach dem Vortrag, den ich wegen der Zusammensetzung des zahlreich erschienen Publikums in Englisch hielt, fühlte ich mich enttäuscht. All den Menschen, Begegnungen, meinen innern Bildern, Eindrücken, Erlebnissen war ich keineswegs gerecht geworden....

Eine Journalistin des TSR (Television Swiss Romande) hatte von meiner Reise erfahren und wollte darüber einen Weihnachtsbeitrag drehen, eine für einmal positive Nachricht aus Afrika. Sie nahm mich überall hin mit und verschaffte mir einen Einblick in ihre spannende Tätigkeit. Interessant und erschreckend ist, was man in einem TV-Büro alles zu sehen bekommt. Eben war eine Journalistin aus dem Kriegsgebiet im Kongo zurück gekommen…
Schlussendlich stand ich selber vor der Kamera. Der Anfang war etwas ruppig, fehlten mir im Französischen doch immer wieder die geeigneten Wörter. Noch ein mal, und noch ein mal. Ein vorbeifahrender Lastwagen - und noch ein mal. Den Schauspielerberuf überlasse ich gerne andern! Viel wohler fühlte ich mich beim alltäglichen Feilschen um die Preise auf dem Markt. Den nächsten Tag verbrachten wir damit das mehrstündige Filmmaterial auf nur zwei Minuten zusammen zu schneiden.
Um das Resultat zu betrachten bitte (schon bald) hier klicken.

Während meines Aufenthaltes hatte ich immer die Besteigung des Mt. Kenia bzw. Batian, den höchsten Gipfel, im Hinterkopf. Als ich in Nairobi ankam, war Regenzeit und der Gipfel, mit seinen 22 Seillängen bis zum fünften Schwierigkeitsgrad, andauernd in den Wolken. Eine Möglichkeit ist, den Berg in Begleitung eines Guides und mit Porteur zu besteigen. Diese Art von Bergsteigen sagt mir nicht zu, ich bevorzuge meine eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Schnell verwarf ich diese Variante.
Die zweite Möglichkeit war, mich dem Mountain Club of Kenya anzuschliessen, der eine entsprechende Tour über Weihnachten organisierte. Ich nahm an Meetings teil und hielt Ausschau nach Klettermaterial um schlussendlich auch da abzusagen. Die vielbeschäftigten Leute hatten keine Zeit um vorher miteinander Klettern zu gehen. Ich brauche Partner die ich kenne, Freunde, deren Handeln und Können ich abschätzen und auf die ich mich verlassen kann, ganz besonders auf einer so anspruchsvollen Tour.

Das auslaufende Visum gab mir endlich den nötigen Tritt in den Hintern um endlich meine Abreise ins Auge zu fassen. Vorher durfte ich aber eine nettes Angebot annehmen. Der für Ostafrika zuständige deutsche Botschaftsarzt war so begeistert von meiner Reise, dass er mir anbot meine Apotheke zu überholen. Da er am selben Tag nach Europa flog, war die Zeit knapp. Er drückte mir so viele Medikamente, Salben, Spritzen und gar Infusionen in die Hand, dass ich einen zweiten Fahrradanhänger gebraucht hätte.

Mit schwerem Herzen galt es wieder mal Abschied zu nehmen. Umarmen, Hände schütteln und ab in die wegen des grossen Kontrasts noch nie so schmerzlich empfundene Einsamkeit.....

Gruss Adrian

Kenia
Dass Kenia, oder hauptsächlich Nairobi, der Motor der Ostafrikanischen Wirtschaft ist, erkennt man gut. Noch nie war ich in Afrika in eine so moderne Grossstadt gekommen. Noch nie gesehen habe ich aber auch ein nur annähernd ähnliche aufgezogenes Sicherheitssystem. Häuser der Oberschicht und der Weissen sind standardmässig von 2 Meter hohen Mauern umgeben die mit Stachel- oder noch besser Rasierklingendraht abgeschlossen sind. Durch die Rollen sind zusätzlich stromgeladene Drähte gezogen. Die Einfahrt ist nicht selten durch ein Doppeltor und von mehreren Wächtern gesichert. Die Haustür verfügt zusätzlich über ein Vorhängeschloss, alle Fenster und Türen sind vergittert und der Schlafraum ergänzend mit einer Gittertür im Gang abgetrennt. Wer sich immer noch bedroht fühlt, installiert eine Alarmanlage mit Sensoren an jedem Fenster. Im Auto schliesst man sich sofort nach dem Einsteigen ein, vermeidet im Dunkeln alleine zu fahren und schickt dem Gastgeber ein SMS, wenn man seine eigene Hochsicherheitsfestung erreicht hat. Übertrieben? Hirnverbrannt? Schwer zu sagen. Persönlich hatte ich auf dem Fahrrad weder bei Tag noch bei Nacht Probleme.

Wie die verschiedenen Stämmen mit ihren Traditionen umgehen, könnte
unterschiedlicher nicht sein. Während einige völlig der westlichen Lebensweise, deren Bräuchen und Mode nacheifern, beweisen die Massais das pure Gegenteil. Nicht nur den Touristen zu liebe sind sie in ihre roten Tücher gewickelt, dehnen die Löcher in den Ohren zur Baumnussgrösse aus, sind behängt mit Schmuck und die Männer nie ohne Holzstock anzutreffen.
Deutliche Spuren hinterlässt der Safari-Tourismus. Lodges und Camps schossen und schiessen wie Pilze aus dem Boden. Leider kommt es nicht selten vor, dass nur der Preis westliche Standards vorgaukelt. 10 USD auf einem Camping können angemessen sein. Nicht aber wenn man den Wasserhahn und das WC gnädigerweise mit den Parkrangers teilen darf und weder Dusche noch Feuerstelle vorhanden sind.
Spätestens wenn man die 40 USD Parkgebühren mit einem Skitag in den Schweizer Bergen vergleicht, kommt man ins Grübeln. Für die oft katastrophalen Pisten, die geringen Gehälter der Rangers und die dürftigen Karteninformationen wird jedenfalls nicht viel aufgewendet. Ob die kenianischen Parlamentarier, die laut Gerüchten das vierthöchste Gehalt WELTWEIT beziehen, auch davon etwas abkriegen???

 

 
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