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In das Land des letzten Genozids...
Der Abschied von Urs nach zwei gemeinsamen Reisemonaten war nicht herzzerreissend. Schwieriger war das wieder alleine Weiterpedalen. Natürlicherweise suchte ich vermehrt den Kontakt zu der Bevölkerung, musst aber feststellen, dass dies schwieriger war als in Westafrika. Der Muzungu (Weisser) ist immer noch die Attraktion, ihn beobachten und über ihn tratschen wird aber der Unterhaltung mit ihm vorgezogen. Die Last der Kongoquerung fiel mir von den Schultern, es stellte sich aber auch die Leere nach dem Erreichen eines grossen Zieles ein. Das Reisen war plötzlich kinderleicht, viel zu einfach, schien nicht mehr spannend und abenteuerlich zu sein... Eigentlich wollt ich nach Kenia weiterziehen, je mehr ich jedoch über Ruanda erfuhr, vor allem über die Geschichte und den Genozid, desto stärker zog es mich nach Süden. Kenias weltberühmte Nationalparks müssen warten. Im Süden Ugandas umrundete ich den Lake Bunyonyi der in mitten eines sehr dicht besiedelten Gebietes liegt. Noch die steilsten Hänge sind terrassiert und werden bebaut. Hoch erfreut über die interessierten Gesprächspartner kam ich ihrer Einladung gerne nach und blieb drei Tage in dem abgeschotteten Bauerndorf. Der Lokalpolitiker zeigte mir sein Dorf und stellte sein Güterzusammenlegunsprojekt vor. Ein nicht sehr nachhaltiges Unterfangen bei den hiesigen Familienstrukturen. Sein Vater z.B. hatte vier Frauen und 27 Kinder, davon 16 Knaben auf die das Erbe verteilt wird. Stundenlang wurde ich von einem Bauer ausgefragt wieso seine 20 Kühe nur 10 Liter Milch pro Tag geben, wie gezüchtet werden sollte und generell wie die Weissen es zu so viel Reichtum gebracht haben. Am Ende des Gespräches bot er mir ein Haus und Land an - ich solle hier investieren und zeigen wie Weisse arbeiten... Meinen Trick an der Grenze zu Ruanda funktionierte leider nicht. Ich betonte dass ich DEUTSCH-Schweizer bin (Deutsche sind nicht visumspflichtig), musste aber trotzdem 60 USD für nur zwei Wochen hinblättern. Sofort bekam ich die enorme Bevölkerungsdichte zu spüren. Ungefähr 9 Millionen Menschen leben auf der halben Fläche der Schweiz. Am Strassenrand bewegt sich ein ständiger Strom von Leuten, pausenlos wurde ich von rennenden Kindern oder Velofahrern begleitet. Die Auswirkungen des Kongokonfliktes sind deutlich zu sehen. In der Grenzregion befinden sich mehrere UNHCR Flüchtlingslager mit x-tausend Flüchtlingen... und zurzeit wird eine neue Welle erwartet. Zum Glück hatten wir nicht die Südroute durch den Kongo gewählt! In Kibuye am Lake Kivu bekam ich von einem Schweizer Entwicklungshelfer den Tipp ein Waisenheim zu besuchen. Der Leiter Viktor hat sich zum Ziel gesetzt in fünf Jahren von Donnatoren unabhängig zu sein. Mit Früchteexport, Ecotourismus, einer Agrarschule und einem Laden versucht er dies zu erreichen. Anstatt der einen geplanten Übernachtung verbracht ich eine Woche mit diskutieren, Kanu fahren, lesen und testen des neuen Wassersammlungssystems. Mit bereits abgelaufenem Visum machte ich mich auf den Weg nach Kigali. Zufällig querte ich das Zielgelände eines Velorennens. Der Organisator "Project Rwanda" verkauft verstärkte Fahrräder mit Gangschaltung (unüblich in Afrika) um bis zu 150kg Kaffee pro Ladung in die Zentren zu transportieren. Als mich nach dem Festen die amerikanischen Rennvelofahrer am nächsten Tag überholten, wurde ich überhäuft mit Energieriegeln, Gel-Nahrung, einem Trikot und leistungssteigernden Pillen. Die Hilfsorganisationendichte ist so hoch, dass ich bis und mit Kigali das Zelt nicht mehr aufstellen musste. Immer war ich Gast bei interessierten Entwicklungshelfern und Fahrradfreunden. Uganda: Ein Land zu beurteilen, aus der Demokratischen Republik Kongo (DRC) kommend, kann nicht objektiv sein. Die Unterschiede sind riesig. Die steinige, löchrige Piste wechselt an der Grenze zu einer asphaltierten Strasse europäischen Standards, so dass mir der Linksverkehr als der kleinste Unterschied erscheint. Im Gegensatz zu den ehemaligen französischen Kolonien, die nach dem Vorbild Paris zentralistisch regiert werden, sind hier die besten Strassen nicht nur um die Kapitale zu finden. Auch Strom ist nicht ausschliesslich den Städtern vorbehalten. Der Präsidenten Yoweri Museveni wird im In- und Ausland in höchsten Tönen gelobt, für seine AIDS- und Malaria-Bekämpfungsprogramme. Das Wirtschaftswachstum ist seit Jahren das Stärkste in Afrika. Über die Schattenseiten wird nicht gesprochen: Abschaffung der Amtszeitbeschränkung, mitmischen in Ruanda und vor allem der DRC... Die Leute sind eben so nett und hilfsbereit wie in Westafrika, aber die Gastfreundschaft ist nicht mehr unbegrenzt. Nun bin ich derjenige, der um einen Platz fürs Übernachten bitten muss. Gespräche bleiben sehr kurz und oberflächlich. Ich vermisse das Plaudern mit Studenten über Gott, die Welt, Afrika und den letzten schottischen König Idi Amin. Oft ist auch die Sprache das Problem. Die erste Fremdsprache, hier Englisch, wird viel schlechter gesprochen als in Westafrika. Ruanda, das Land der 1000 Hügel: Das einzige was ich von Ruanda wusste als ich nach Afrika kam war: Kleinstaat im Osten, Berggorillas aber vor allem GENOZID. Viel davon gelesen, zog mich das Unvorstellbare Grausame immer stärker an. Im Land selber findet man dreizehn Jahre nach der dreimonatigen Schlachterei, bei der eine Million Menschen umgebracht wurde, unzählige Hinweise auf diese Zeit. Zerschossene Strassenschilder und Ruinen einer gesprengten Bank sind noch die harmlosesten. In jedem grösseren Ort gibt es Gedenkstätten, da ein Massengrab von 20'000 dort eine überfallene Kirch mit 12'000 Toten. Allgegenwärtig sind die rosarot gekleideten Häftlinge. Da die professionellen Gerichte auf über hundert Jahre ausgebucht wären, ist man zu den traditionellen Gacacas zurückgekehrt. Bei einer Art Gemeindeversammlung werden die Täter, teils seit dreizehn Jahren in Untersuchungshaft, verhört und zur Rechenschaft gezogen. Seit dem ich hier "Shooting Dogs" and "Rwanda Hotel" gesehen habe, springen bei jedem Erblicken der allgegenwärtigen Macheten die Gedanken zu den Massakern. Das Gefühl ist auch seltsam, wenn man mit einem Einheimischen durch die Strasse schlendert, und dieser beiläufig auf eine Person zeigt und meint der habe neunzehn Menschen umgebracht und jener zwölf. Ein nicht zu vernachlässigender Grund für den Genozid ist die Überbevölkerung im dichtest besiedelten Land Afrikas. 90% sind Bauern die mit ihren 0.6 Hektaren Land versuchen ihre Grossfamilie zu ernähren. Entgegengesetzt dem Trend in den Nachbarländern, wurde ein Nationalpark halbiert um Ackerland zu gewinnen. Die Leute sind, nicht zuletzt durch die jüngere Geschichte, vorsichtig und zurückhaltend. Gruss der Muzungu Adrian Zu den Bildern |