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21.03.2007 Ouagadougou - Abuja PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Thursday, 22 March 2007
Reisen in einem der korruptesten Länder der Welt...


Da mein Aufenthalt in Ouagadougou mit der 100-Jahr-Pfadi-Feier zusammen fiel, wurde die PR-Möglichkeit am Schopf gepackt und Fernsehen und Printmedien organisiert. 200 Pfadessen und Pfader empfingen den Generalsekretär – der zuständige Minister war gerade in der Schweiz - mit Spalier und Sprechchören. Nach 30 Minuten Warten auf das Fernsehteam wurde angerufen. Ja, sie kommen « tout de suite », eine weitere halbe Stunde später wurden die Reden ohne Kamera - Beisein gehalten, auch später tauchte kein Kamerateam auf. Warum sagen sie nicht einfach ab, wenn sie nicht kommen können? Anschliessend durfte ich meine Reise und das Material zuerst den V.I.Ps und dann den Scouts und Guides vorstellen. Das Interesse war gross aber wieder einmal, oder wie immer, wurden meine Erklärungsversuche warum ich so eine Reise unternehme, nicht verstanden.
Am nächsten Tag konnte doch noch ein Treffen mit dem « RTB« (Radiodiffusion Television du Burkina) organisiert werden. Die Pfadessenchefin und ich wurden interviewt und anschliessend kurvte ich vor den Kameralinsen durch Ouaga. Am nächsten Abend zog unsere Schweizerdelegation, die sich vor dem Fernseher der Ratshauswächter installiert hatte, enttäuscht ab - der Beitrag war schon in den Mittagsnachrichten gesendet worden... Beschränkte Kanalvielfalt und viel Zeit zum Fernsehen führten zu meinem plötzlich hohen Bekanntheitsgrad. Häufig wurde ich angesprochen, eingeladen und musste Auskunft geben. Da meinen Aufenthalt in der Hauptstadt sich wieder einmal in die Länge zog, hatte mittlerweile das FESPACO (Afrikanisches Filmfestival) begonnen. Drei Filme schaute ich mir an, ebenso interessant war aber das Publikum. Eine besondere Stimmung herrschte beim inoffiziell gezeigten Dokumentarfilm über den früheren Präsidenten Thomas Sankara (Che Guevara Afrikas, der vom jetzigen Präsidenten aus dem Amt geputscht wurde und bald « starb?« ). Die ca. 100 Stühle hinter dem Customer-Beamer waren schnell besetzt, sicher 300 weitere Leute drängten sich bis einen halben Meter vor der Leinwand. Das Publikum kannte die reisserischen Reden auswendig, alle streckten die Arme in die Luft, sprachen mit und schrieen die Parolen.
Bereits nach Timbuktu ging es eher Sud- als Ostwärts. Ich gelangte von der Wüste, durch die Halbwüste in die Savanne. Die Sanddünen verschwanden und machten Bäumen Platz. Die Schweine, die zusätzlich im Strassengetümmel mitmischen, kündigten die ersten Christen an. Plötzlich wurde ich wieder von Glockengeläut geweckt nachdem in den letzten sieben Monaten dies der « Muhezin » übernommen hatte. Noch weiter südlich, in Togo und Benin, beginnt der Wald. Diese neue Situation, keine Sicht zu haben, war zuerst Angst einflössend. Begegnungen waren plötzlich nicht mehr voraussehbar und nie weiss ich wie viele Leute mich beobachten...
Über BBC erfuhr ich, dass es ein erstes Vogelgrippe-Todesopfer in Nigeria gegeben hatte. Einen Tag später entschuldigte sich mein Gastgeber, dass er leider kein Fleisch anbieten könne. Vor einer Woche seien alle Hühner gestorben. Ob man das irgendwo gemeldet habe, war meine nächste Frage. Nein... aber immerhin wurden die Tiere nicht verspiesen. Wenn durchsickert, dass die Regierung wegen einem verdächtigen Todesfall Notschlachtungen durchfuhren will, sind aber plötzlich die Hühner verschwunden, wenn die Schlachter vorfahren.
Eigentlich wollte ich noch an diesem Tag die Grenze Benin-Nigeria überqueren. Ich wurde jedoch von einer belgischen Ärztin auf der Strasse abgefangen. Aus der Kaffeepause wurde ein äusserst spannender mehrtägiger Aufenthalt im lokalen Spital. Die Zeiten waren ruhig, das heisst, die Betten nicht gleichzeitig von zwei Patienten belegt. Umso ausführlicher konnte mir Vieles erklärt werden. Ungefähr drei mal so viele Personen wie Pflegebedürftige hausen in den Gängen und ums Spital. Die Angehörigen übernehmen das Pflegen, Waschen und kochen auf den zur Verfügung gestellten Feuerstellen das Essen für ihre Angehörigen. Von mit heissem Öl oder Wasser halb verbrannten Kindern, über Schusswunden bis zu Schlangenbissen gibt es alles zu behandeln. Auch bei vier Operationen war ich anwesend, gestartet wurde mit einer Totgeburt per Kaiserschnitt...
Mit vielen Bildern zum Verarbeiten machte ich mich auf nach Nigeria, einem Land von welchem ich fast ausschliesslich Schlechtes oder Gefährliches gehört hatte. Der Beninzöllner fragte wo denn mein Visum sei. Ich staunte nicht schlecht, dass ich den Beamten aufklären musste, dass sein Land auch Kollektiv-Visa zusammen mit den Nachbarländern ausstellt. Ich denke, ein Nastuch mit Schnupfschmetterling und einem fetten Stempel würde für die meisten westafrikanischen Grenzübertritte reichen....
Auf nigerianischer Seite wurde ich sogleich um ein Geschenk gebeten. Ich schlug den Zöllnern vor, mit mir meine Webseite zu besuchen und fragte, ob sie einen Internetzugang hätten. Nein, war die Antwort, aber ich solle ihnen einen geben. Nach fünf Minuten erklären, waren ihre Weihnachtsgefühle verschwunden und ich durfte passieren.
Als ich endlich alle zurückgezogenen Grenzcheckpoints passiert hatte, hörte auch das Betteln der Beamten auf. Ob meine gute Routenwahl - zwischen dem ölreichen, überbevölkerten Süden und dem Norden mit Sharia-Recht zu fahren – Auschlag gebend war, oder ob die Warnungen übertrieben waren - bis anhin hatte ich keine Probleme, konnte meine Vorurteile abbauen und fühle mich als wohl einziger Reisender im ganzen Land fast so wohl wie überall.
Vorsichtshalber hatte ich ein Mail an die Schweizer Botschaft in Abuja geschrieben, damit sie immerhin wüssten wie der Weisse heisst, falls der gekidnappt würde. Ich wurde aufgefordert in der Botschaft vorbeizuschauen. Die Freude dort war gross wieder einmal einen Reisenden in Nigeria zu haben. Sofort wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt um mir zu helfen. Ich darf bei einem Angestellten im Gästezimmer wohnen, Visumsabklärungen für Kamerun werden gemacht und Leute die die Strassen-verhältnisse kennen und Kamerun bereist haben, werden aufgeboten um mich zu beraten.
Wunderbar, spannend und erholsam ist es zwischendurch auf diese weissen Inseln der Gastfreundschaft eingeladen zu werden.

Burkina Faso
Der Unterschied zwischen Hauptstadt und dem Rest des Landes ist hier grösser als ich bis jetzt in andern Ländern gesehen habe. Als ich Ouagadougou über eine Hauptstrasse verliess, radelte ich 80 km und passierte etliche Dörfer bis wieder stromversorgte Häuser auftauchten, während in der Metropole beinahe alles bis auf einen McDonald’s vorhanden ist.
Viele Leute trauern dem ehemaligen ermordeten Präsidenten Thomas Sankara nach. Er war der Erste in Afrika, der die Umweltprobleme, Abholzungen und Verwüstungen thematisierte. Er ersetzte die Staatslimousinen durch eine Flotte von Renault 5, kämpfte für Gleichberechtigung (an einem Tag im Jahr mussten die Männer auf den Markt gehen) und brüskierte die westliche Welt, allen voran Frankreich, mit seinen undiplomatischen, direkten Aussagen.

Benin und Togo
Je weiter südlich gegen den Äquator ich gelange, desto feuchter wird das Klima. Die Niederschläge sind intensiver und so wird das erste gesparte Geld einer Bauernfamilie für den Kauf eines Wellblechdachs verwendet. So werde ich um das Gefühl gebracht durch einen riesigen afrikanischen Ballenberg (Dörfer-Freilichtmuseum) zu fahren.
Christen und Muslime leben hier friedlich miteinander. Im einen Dorf steht eine Kirche, im andern eine Moschee, in einigen beides und von Mohammed-Karikaturen hat hier keiner etwas gemerkt. Der Glaube der Weltreligionen wird von traditionelle Religionen überlagert. In vielen Höfen gibt es Hühnerblut-Opferstätten. Leider wollte man dem fremden Weissen nicht viel darüber erzählen und die jüngere Generation steht oft nicht offen dazu.


Diesen Bericht setzte ich unter 70 aufmerksam beobachtenden Augenpaaren auf während dem Warten auf eine Wahlkampfveranstaltung. Um 12.00 Uhr hätte der Event beginnen sollen, mittlerweile ist 14.30 Uhr. Ich bin der Einzige der nicht Nichts tun kann....

Gruss aus Abuja, Nigeria

Adrian

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