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10.10.2006 Zagora - Nouakchott PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Thursday, 12 October 2006
Freue mich nach langem Radeln durch die Wueste auf wieder etwas mehr Vegetation...

Zagora - Nouakchott

Da die Temperaturen in der Westsahara und in Mauretanien immer noch zu hoch sind und die Saison in den westlichen Sahelländer immer besser wird, drehte ich in Marokko noch einige Warteschlaufen. Insgesamt sieben Mal überquerte ich den Hohen Atlas. Zurück im Norden besuchte ich Marrakesch, bestieg den J. Toubkal und begegnete in einer Haarnadelkurve einem Lausanner, der mit seinem 4x4 ebenfalls auf dem Weg nach Südafrika ist. In derselben Kurve bezogen wir eine Ruine, assen seine letzten M-Budget Hörnli und brieten Würste. Da er etwa dasselbe Reisetempo hat bzw. viele Umwege fährt, werden wir uns wohl noch mehrmals begegnen. Meine 2 l PET-Flaschensammlung komplettiert und die Liste mit den Wassertank- und Nahrungsmittelversorgungsmöglichkeiten ausgedruckt, stand das Queren der Sahara an. Die ersten 350 km hatte ich Gegen- und Seitenwind, danach konvergierten zum Glück Fahrtrichtung und das Ziel des Windes immer mehr. Nicht selten jagte ich mit satten 40 km/h den Wolken und einem belgischen Radler hinter her. Setzte der Wind aber plötzlich aus, verschwanden die Wolken und es blieb nur noch die Flucht in den manchmal sehr schwierig zu findenden Schatten. Das Radeln durch die meist flache, staubige und steinige Wüste würde oft langweilig, hätte ich mir in der Schweiz nicht glücklicherweise noch einen Audiofranzösischkurs auf den MP3 Player geladen. Als aber Wasser und Lebensmittel rationiert waren, die Sonne mir auf den Rücken brannte, der Französischkurs sich um Nahrungsmittel drehte und gar Tarte Tatin mit Vanilleeis erwähnt wurde, hatte ich beinahe Tränen in den Augen.

In Boujdour wurde ich von einem englisch Studenten ins Haus seiner Eltern, ins Ghetto, wie er es treffend nannte, eingeladen. Drei Tage wurden mir Dorf, Leben und vor allem Rituale und Gebete des Islams gezeigt. Natürlich wurde, da gerade der Fastenmonat Ramadan begonnen hatte, von Sonnenauf- bis Untergang weder geraucht, gegessen noch getrunken. Ich stopfte aus Angst vor Hunger um 5.30 Uhr bis das Stoppsignal von der Moschee ertönte so viel in mich hinein, dass ich mich die nächsten 3 Stunden nicht mehr rühren konnte. Bis um 13 Uhr fühlte ich mich immer noch überessen und erst ab 17 Uhr hatte ich etwas Hunger und Durst.
Auf meine Weiterreise wurden mir so viele Nahrungsmittel mitgegeben, dass ich die nächsten vier Tage nicht einkaufen musste und noch heute das Brot mit ihrem Olivenöl tränke.

Ich „kurbelte“ bis tief in die Nacht hinein, um den belgischen Radler aufzuholen. Am nächsten Morgen kam bereits nach 200 m mitten in der Wüste der erste an die Strasse gerannt. Ich wollte bereits Luft holen "Nein, habe weder Zigaretten noch ein Cadeau" als ich bemerkte, dass Turban und Gesichtsfarbe nicht zusammen passen wollten. Fix, der Belgier, hatte die von Motorradreisenden überbrachte Nachricht erhalten und am Strassenrand gecampt und auf mich gelauert. Zum Glück hatte ich am Vorabend keine Minute länger Mondschein und Rückenwind genossen!

Zu zweit und zum Glück ohne den Boden unter den Füssen zu verlieren, durchquerten wir das verminte Niemandsland zwischen Marokko und Mauretanien. Zum einen war ich froh nach 2 Monaten in ein anderes Land und meinem Ziel einen Schritt näher zu kommen. Zum anderen beginnt man wieder als Tourist, keine Ahnung von Währung, Preisen und Verhaltensregeln.
Mauretanien ist einiges ärmer, einiges teurer, die Leute einiges dunkler und was ich zuvor nicht glauben konnte, von Müll noch viel verschmutzter. Ich bin sicher, dass der Regisseur von "American Beauty" hier inspiriert wurde. Diese herumfliegenden Plastiksäcke mussten wir bereits mehrmals fluchend aus unseren Wechslern grübeln.

Bevor wir das nächste Wüstenstück unter die Räder nahmen, machten wir einen Abstecher mit dem längsten und schwersten Zug der Welt in die Sahara.
Da ich momentan genug Wüste gesehen habe, werde ich nicht wie geplant die Strasse der Guten Hoffnung in Angriff nehmen, sondern nach Senegal und dann nach Mali weiterradeln.

Jebl Toubkal Trekking

Bereits im zweitletzten Bergdorf wurde ich abgefangen. Tee trinken und die 1:50’000er Karte anschauen wurde gratis versprochen. Zu dritt versuchten sie mich kurz darauf in einem Innenhof zu überzeugen, dass ein Bergführer unbedingt nötig sei, um den Weg zu finden. Den Blick auf die Karte sagte mir anderes. Als ich weder Führer buchen, noch Kartenkopie oder Schmuck kaufen wollte, waren "my friends" gar nicht begeistert und verlangten Geld für den Tee. Da sie mir Unwahrheiten erzählt und sie mich eingeladen hatten, war ich nicht gewillt in die Tasche zu greifen. Die Tür wurde verriegelt und auf mich eingeredet. Fünf Minuten strapazierte ich meine Stimmbänder immer stärker und mein Französisch war plötzlich fliessend wie es Herr Meier (Französisch Lehrer in der Sek.) nie zu hören bekommen hat. Mit Schimpf und Schande wurde ich aus dem Innenhof gejagt.
Mit der im letzten Dorf zum Gebrauch bekommenen Karte machte ich mich am nächsten Tag auf einer Autobahn von einem Wanderweg auf zum Toubkal. Mit meinen Fahrradschuhen mit abmontiertem Einrasteisen war ich mit überdurchschnittlich gutem Schuhwerk unterwegs. Die erste Nacht verbrachte ich mit den "Sherpas" nahe der Hütte des Französischen Alpenclubs und wurde mit den Essensresten der spanischen Touristengruppe voll gestopft. Um 5.00 Uhr stand ich auf und rannte los. Ich hatte keine Lust in der Steine lostretenden Horde zu wandern. Auf dem Gipfel des 4000ers, der es wohl nur des Abfalls wegen ist, wurde ich mit einer wunderbaren Aussicht belohnt.
Beim Absteigen bekam ich Bilder zu sehen, wie man sie vom Everest beschrieben bekommt. An Seilen und Händen gezogene Touristen und Leuten die nicht fähig sind einen sicheren Schritt zu gehen...
Froh darüber, dass 4/5 nur wegen dem Gipfel kommen, konnte ich meine verbleibenden Trekkingtage und das Massiv weit mehr geniessen. Ich begegnete sogar anderen Treckern, die ihr Gepäck selber trugen und war zwei Tage mit vier TschechInnen unterwegs.

Fahrt mit dem Eisenerz-Zug

Nach vier Monaten wieder einmal Stress. Schnell verstauten wir das nötige Material in den Rucksäcken und wurden von zwei Franzosen an die Haltestelle gefahren, um den Zug um 15.00 Uhr noch zu erreichen. Nach langem Warten traf die 2.3 km lange leere Güterwagenschlange mit drei Loks um 18.30 Uhr tatsächlich ein. Die zwei Greenhörner schnappten sich den einzigen leeren Wagen in der Nähe und waren froh, keiner Diebstahlgefahr ausgesetzt zu sein. Der Anfahrtsruck schleuderte mich, auf dem Wagenrand sitzend und fotografierend, zum Glück ins innere des Wagens. Blutende Knie und Ellbogen waren weit weniger schlimm als die darauf folgende Folter. Unser Wagon hatte nicht ohne Grund keine anderen Passagiere. Die vordere Achse bewegte sich drei Mal in der Sekunde 5 cm hin und her. Auf Wagenbodenhöhe machte das bereits 10 cm und die Wagenwand legte ca. 15 cm zurück. Ebenfalls in der X-Achse reichte die Vibration beinahe zum Seilspringen ohne die Beinmuskeln zu brauchen, vom Lärm gar nicht zu sprechen. Der Lokführer wollte nichts wissen von den stündlichen Halten und so verbrachten wir beinahe die ganze Nach mit wegen Wind, Staub und Sand geschlossene Augen, stehend sich an der Wagonwand festkrallend. Verlangsamte der Zug sein Tempo konnten wir uns sogar für fünf Minuten hinsetzen. Als uns nach 5 Stunden doch der Wagenwechsel gelang, war sogar schlafen möglich.
Die Rückfahrt auf dem Eisenerzpuder war weit angenehmer. Über dem Wagenrand liegend konnte man bequem die mondbeschienene Sahara betrachten. Trotz Turban vor dem Gesicht wehte es uns jetzt den Staub unerbittlich ins Gesicht. Am Ende der Reise sah man keinen Unterschied mehr zwischen einheimisch und ausländisch, Kleider und Haut waren pechschwarz. Um 11.00 Uhr, mitten in der Wüste, stoppte der Zug plötzlich. Die Loks wurden abgehängt und fuhren davon. Jemand teilte uns mit, dass es wohl erst um 18.00 Uhr weiter gehe. Keine Lust in der Sonne zu schmoren, und hoffend, dass die Minen wirklich nur auf der anderen Seite des Geleises gelegt sind, nahmen wir den Weg zur zum Glück nicht allzu weit entfernten Strasse unter die Füsse. Ein zum Bersten überfülltes Taxi, auf den vorderen 2 Sitzen drängten sich 4 Personen, brachte uns nach Preisverhandlungen zurück nach Nouadhibou. Was die zurückgebliebenen Passagiere, die Fässer und Maultiere, welche auf den Wagen transportiert wurden machten, weiss ich nicht.


Pleiten, Pech und Pannen

Nach Laayoune fragte ich mich, warum die Gegenfahrbahn dunkel gefärbt ist. Die Lösung brachte ein Lastwagen und Seitenwind: Die Fische werden für den Transport mittels Eis gekühlt, welches bei den Saharatemperaturen jedoch rasch den Aggregatszustand wechselt. Tropfend flieht es aus dem ebenfalls nach Fisch stinkenden Lastwagen. Bei Seitenwind wird nun das wehrlose, entgegenkommende Opfer besprüht. Da alle 5 Minuten 10 Meter in die Wüste fahren, um nachher das Fahrrad mühsam wieder auf die Strasse zu schieben, nicht lange Spass macht, änderte ich meine Taktik. Solange direkt auf den Laster zufahren bis dieser mindestens vom Gas geht und auf seine Strassenseite zurückkehrt. Danach schnell an den rechten Rand wechseln, damit nur die Beine noch brauner werden.

Gruss Adrian

Bilder

 
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© 2012 to-adi - Adrian Guggisberg