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26.08.2006 Algeciras - Zagora PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Saturday, 26 August 2006
Bekomme hier in Zagora die Hitze der grössten Wüste der Welt zu spüren. Auch in der Nacht fällt die Temperatur kaum unter 30° C...


Algeciras - Zagora

In Algeciras auf die neuen Räder wartend, genoss ich es, etwas tiefere Beziehungen aufbauen zu können. Bis tief in die Nacht hinein schwatzte ich mit den Parkhauswärtern die auf mein Gepäck aufpassten, mit den Rotkreuz-Arbeitern oder den Übersetzern, die wegen den vielen ausgewanderten Marokkanern, die zu dieser Zeit Marokko besuchen wollten, im Hafen arbeiteten. Spannende Gespräche gab es auch mit einem deutschen Firmenbesitzer und angeregte Diskussionen über Evolution und Genesis in einem christlichen Traveller-Zentrum.

Eine Woche dauerte es bis ich endlich die in Barcelona gefertigten Laufräder montieren konnte. Oft gewarnt vor lästigen Händlern, Betrügern und Räubern, setzte ich nach Seuta, der spanischen Enklave über. Mit Hilfe und Tipps eines spanischen Zöllners wechselte ich Geld auf dem Schwarzmarkt und besorgte mir die nötigen Papiere um mit Schuss durch den Zoll zu kommen bzw. nicht bei unerwünschten Helfern und Schwindlern hängen zu bleiben. Dies gelang erstaunlich gut, die ersten Probleme ergaben sich erst am Abend. Ein Soldat stöberte mich auf als ich den Schlafsack ausrollen wollte und verjagte mich. Im Dunkeln fuhr ich weiter durchs berühmt berüchtigte Rifgebirge. Die nächste Strassensperre (Drogenfahndung) kam schon nach 2 km, durfte aber ohne Durchsuchung passieren, da ich in der weniger gefährlichen Richtung unterwegs war.
Am nächsten Tag wurden mir die neuen Verkehrsregeln bzw. Machtverhältnisse auf der Strasse demonstriert. Drei Wagen kamen mir auf der schmalen Spur entgegen gerast, der hinterste überholte. Mich erblickend wollte er in die Lücke zwischen die zwei anderen Wagen ausweichen (was eine Seltenheit ist, meistens wird gehupt bis der Schwächere ausweicht). Von der schmalen Asphaltspur abgekommen, schleuderte er hin und her, überschlug sich und landete auf dem Dach im Graben neben der Strasse. Der Fahrer hatte einen Schnitt im Arm... es konnten aber alle 3 Personen selber aussteigen. Gebe nun den Asphaltstreifen gerne preis und verziehe mich jeweils auf die holprigen Ränder...

Durch das Rifgebirge ging es zum blauen Dorf, Chefchaouen und weiter nach Fes. Unglaublich wie dort in der Medina die Zeit stehen geblieben scheint. Der alles bietende mittelalterliche Markt in den schmalen Gassen, die Handwerker in ihren Einzimmerbuden, die von weitem riechbaren Lederfärbereien und überall Menschen, Esel, Hühner, Fleischabfälle suchende Katzen, Touristen. Zum ersten Mal musste ich laut werden um mir ungewollte Führer und Teppichverkäufer vom Leib halten zu können. Nicht in der endlosen Wüste, sondern im Gassengewirr von Fes leistete der Kompass seinen ersten Dienst.

Durch den kühlen (nur 36 ° C am Mittag) mittleren Atlas ging es weiter nach Er-Rachidia und Merzouga. Dort tauschte ich Drahtesel- gegen Dromedar-Sattel, um die orange Dünenwüste zu besichtigen. Wieder einmal war mir die Region zu touristisch. Vom Kind der Wüste als Guide war keine Rede. Weder ein Sternzeichen noch einen Stern kannte er und die Nord-Richtung wurde mir um 45 ° verschoben von Polarstern und Kompass angegeben. Geschäfte machen lag ihm besser. Bei einer Oase sollte ich plötzlich trotz anderer Vereinbarung die Kosten fürs Essen übernehmen, er habe kein Geld dabei. Ihm die Abmachung in Erinnerung rufend, ging es plötzlich auch ohne Geld. Als "my friend" mir beim Brot kaufen half, sollte dies plötzlich das 2.5 Fache des bis jetzt bezahlten Preises kosten. Vom Adressenaustausch war bei der Verabschiedung keine Rede mehr und ich hoffe, dass irgendwann ein Unterschied zwischen Touristen und Reisenden gemacht wird.

Weiter ging’s, zurück im Atlas, durch die Todra- und Dades- Schluchten. Von 2900 m ü. M. nach Zagora auf 700 m ins Treibhaus hinunter. Der Wind wirbelt so viel Staub auf, dass die Sonne nur noch schwach sichtbar ist. Leider wird das Abstrahlen dadurch beeinträchtigt und es bleibt auch in der Nacht über 30 ° C warm. Auf das Paket aus der Schweiz wartend, darf ich bei El Kharassis, eine Familie die Wüstentouren für Schweizer organisiert, wohnen.

Gastfreundschaft und Essen

Es scheint, dass Langstreckenvelofahrer in Marokko als Pilger betrachtet werden, denen manchmal Essen und Schlafstelle, jedoch immer Tee angeboten wird. Die Gastfreundschaft vor allem in ländlichen, wenig touristischen Gebieten ist unermesslich. Oft muss ich Einladungen ablehnen um überhaupt mehr als 20 km radeln zu können oder weil ich wieder einmal Zeit für mich brauche. Spannend sind jeweils der Vorgang und das Essen.
Eingeladen werde ich nur von Männern oder Jungen. Der Gast wird zum Haus geführt und zuerst vor der Türe stehen gelassen. Es wird wohl abgeklärt was für Nahrungsmittel im Haus sind bzw. den Befehl an die Frauen (Ehefrau, Tante, Grossmutter, Tochter) erteilt, was zu kochen sei. Als Vorspeise gibt es oft Nüsse und den zuckersüssen Tee, der den ganzen Tag getrunken wird. Danach werden Wasser, Becken und Abtrocknungstuch herumgereicht um die Hände zu waschen. Gegessen wird aus einer grossen Platte in der Mitte des runden Tisches, mit den Händen, besser gesagt mit der rechten Hand. Die linke wird nach dem Stuhlgang benutzt und gilt (ist), da sich im Gegensatz zum Handy das WC-Papier nicht durchgesetzt hat, als unsauber.
Meistens durfte ich ein
„Tachine“ geniessen. Mit Hilfe von Fladenbrot als Auflade-Hilfe wird nun zuerst der Berg von Zwiebeln, Karotten, Auberginen, Kartoffeln oder manchmal auch Reis abgetragen und am Schluss das Fleisch gegessen. Bei vermögenderen Familien gibt es als Beilage Salat und sogar Pommes Frites.
Die zweite, bei uns bekanntere Speise, ist
Couscous. Als Nachspeise gab es bis jetzt ausschliesslich Honigmelonen.
Nach dem Essen werden wieder die Hände gewaschen und es wird oft das von mir geliebte Nickerchen mit vollem Bauch gemacht.
Geschmeckt hat mir das Essen bis jetzt immer. Einzig beim Schafsfuss wusste ich nicht so recht was ich da noch abnagen sollte.

Obwohl in jedem Reiseführer von offenem Wasser, ungeschälten Früchten und Salat gewarnt wird, konnte und wollte ich bei all den Einladungen diesen Tipps keine Folge leisten. Die Abhärtung durch den Andorrazwischenfall hat sich doch gelohnt. Bis anhin bin ich ohne Durchfall unterwegs.

Schwierig ist es manchmal, Gastfreundschaft und finanzielle Interessen im Voraus unterscheiden zu können. Wenn du mit lauten "Monsieur, Monsieur" Rufen angehalten wirst, ist die Aufschwatz- oder Bettelgefahr bereits gross. Fallen die Worte "my friend" kannst du sicher sein, dass du bereits mit einem Geldautomaten substituiert wurdest.


Pleiten, Pech und Pannen

Leider hat der Tourismus auch negative Spuren in der Bevölkerung hinterlassen. "Donnez moi un stylo" und "Donnez moi des bonbons" sind die ersten Sätze die ein Kind in der Fremdsprache Französisch lernt. Sobald nun einer mit anderer Hautfarbe auftaucht, wird diese Forderung, an die Piste rennend, geschrieen. Da der Radfahrer nicht einfach die Scheibe hochkurbeln und den Motor aufheulen lassen kann, ist man auch hier näher an der Bevölkerung. Drei Mal, als der nicht spendefreudige Radler weiter fuhr, wurde, ob zum Spass oder aus Verärgerung weiss ich nicht, zu Steinen gegriffen. Zum Glück bekam bis jetzt nur der Bob Treffer ab und nicht sein „Ziehvater“.
Einmal wurde sogar eine Treibjagd veranstaltet. Zu einer Zeit als ich von den Marokkaner-Innen noch nicht gelernt hatte, dass selber zu Steinen greifen hier zur Erziehung gehört (bis jetzt reichte das Zeigen der Wurfgeschosse), entschied ich mich für die Flucht. Die fiel jedoch auf schlechter Piste und bergan zu langsam aus. Mich auf die Schlaglöcher konzentrierend, merkte ich erst als ein Bengel
"Voleur" schrie, dass der Bob geplündert bzw. nach allem was nicht in der Tasche war, gegriffen wurde. Die 2 Liter PET-Flasche und die Kletterfinken konnte ich zurück erobern. Dass das Fähnchen und die Stahlwatte fehlten; merkte ich in der Hitze des Gefechtes nicht und auf eine Rückkehr hatte ich keine Lust...

Verständlich wird dieses Verhalten aber schnell, wenn man sieht wie die „4x4“ voller Touristen, eine Staubwolke hinter sich herziehend, in die Bauerndörfer preschen, Kinder und Erwachsene wie Tiere behandelt und fotografiert werden und leere Versprechungen von wegen „Fotos senden“ gemacht werden...

Gruss Adrian

Bilder

 
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© 2012 to-adi - Adrian Guggisberg