| 16.08.2009 Hamburg - Fraubrunnen | | Print | |
| Written by Adrian Guggisberg | |
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Eigenkulturschock auf dem Weg durch Europa... Mein Anhänger schwebt am Schiffskran durch die Luft. Hände schütteln, bedanken, Abschied nehmen von der Crew der Amber Lagoon, dem Leben auf den Meeren. Nach 30 Tagen Frachtschiffreise bin ich in Hamburg angekommen. Endlich wieder im Sattel, unterwegs zu einem Warm-showers.org-Freund bei dem ich übernachten darf. Nach drei Jahren Afrika wieder in Europa! Kaum losgefahren, sticht mir das untrügerische Zeichen eines Tourenradlers ins Auge - Ortlieb-Packtaschen. Ich quere die Strasse, steuere auf ihn zu, lache ihn an, bremse… er schaut mich nicht an, dreht den Kopf zur Seite und fährt weiter! Willkommen in New York, Crocodile Dundee! Was in Afrika mindestens ein zweistündiges Gespräch geworden wäre - höchstwahrscheinlich hätten wir gar einen gemeinsamen Übernachtungsplatz gesucht um Abenteuer, Tipps und Material-Erfahrungen auszutauschen - ist hier nicht mal ein Blick wert. Für Bruchteile einer Sekunde bin ich jeweils im falschen Film, auf dem falschen Kontinent. Es dauert Wochen bis diese verinnerlichten „afrikanischen“ Reflexe umprogrammiert, ans Europäische Umfeld angepasst sind. In einer Gegenlichtsituation schrecke ich aus meiner Tagträumerei. Elefanten! Eindeutig, da liegen Kothaufen auf der Strasse! Aus der Nähe entpuppen sich diese als weggeworfene, braune McDonald’s Tüten. Füsse hoch, bremsen, Kamera raus! Nein, Entwarnung, hier bleiben Äste liegen und schlängeln sich nicht davon. Und immer wieder springen mir die Autokennzeichen ins Auge. Ha, schau mal ein Deutscher... hmmm... wie aussergewöhnlich in Deutschland. Nach einer halben Stunde Richtung Norden fahrend, mit der Sonne im Gesicht, stelle ich zwei Dinge fest. Erstens fährt hier jeder dritte mit Ortlieb - Packtaschen rum und zweitens, wieso zur Hölle erreiche ich diesen angepeilten Flughafen nie? Ein Blick auf den nächsten Bushaltestellen-Stadtplan löst das Rätsel - ich bin im Süden der Stadt gelandet. Ach ja, auf der Nordhalbkugel beschreibt die Sonne ihre Bahn im Süden.... Ich sollte mich bei meinem Gastgeber ankündigen, aber wie? Auf meine Frage nach einem Internetcafe wird nur mit den Achseln gezuckt, es habe ja überall Hotspots oder ich solle doch mit dem Handy ins Netz. Steht in Afrika an jeder zweiten Strassenecke einer der ein Telefon oder sein Mobile anbietet, finde ich hier nicht mal mehr eine Telefonzelle. Kaum zurück verwünsche ich das erste mal die Überentwicklungsländer und ihren Fortschritt. Nach einem Monat auf dem Schiff, die einzig möglichen sportlichen Betätigungen bestanden lediglich aus Liegestützen und Klimmzügen, habe ich tatsächlich Krämpfe in den Beinen vom Radeln. Im Supermarkt finde ich die Magnesiumspender in tadelloser, gelber Schale, in perfekt gebogener Form und einer Grösse, wie ich sie auf meiner Reise nie gesehen habe. „Das Auge isst mit.“ Der Biss in die Bilderbuch-Banane zeigt die Falschheit dieses Satzes im Bezug auf Supermarktfrüchte. „NUR das Auge isst.“ sinniere ich, das geschmacklose Zeug hinunterwürgend. Die Anziehungskraft der Heimat verstärkt sich, dennoch schaffe ich es nicht, direkt in die Schweiz zu fahren. Wenn ich schon da bin, muss ich doch Berlin sehen, Dresden, Füssen und vor allem Freunde besuchen die ich auf meiner Reise kennen lernte. So setze sich meinen zeitlosen Zickzackkurs fort. Lebte ich in Afrika oft unter der nichts aussagenden Armutsgrenze von einem US Dollar pro Tag, sind die Preise hier schockierend hoch. Einmal pissen kostet hier gleich viel wie zwei Mahlzeiten in einer Strassenbude dort. Reichte vorher eine Karte des ganzen Landes oder gar die 1:4 Millionen Michelin - Karte, bin ich hier auf detaillierteres Material angewiesen. Soll ich jeweils 8 Euro investieren um jeden Tag erneut ab der nächsten Radlerkarte zu fahren? Not macht erfinderisch und ein kleines Budget das Reisen spannender. Klick, schnell ist ein Bildschirm der den nächsten Google-Map-Ausschnitt zeigt, fotografiert. Das Display der Nikky II ist gross genug um mir den Weg zu zeigen. Schnell ist auch eine Tankstelle gefunden wo ich einen Blick auf die Karte werfen kann um mir die nächsten paar Orte einzuprägen, oder nach der alten Methode Leute zu fragen. Ich ertappte mich dabei noch eine andere Strategie zu verfolgen. Das in Kontakt kommen mit Menschen, die Essenz des alleine Reisenden. Waren Gespräche in Afrika oft zu ausufernd, kämpfe ich hier darum überhaut mit jemandem reden zu können. Wir Westler scheinen alles zu tun um Kontakte zu vermeiden. Dort war ich die Attraktion, erreichte die Herzen der Menschen, hier bewege ich mich am Rande der Gesellschaft. Die verstohlenen Seitenblicke der Passanten zu dem im verschwitzen T-Shirt, der in aller Öffentlichkeit Wäsche auf der Parkbank trocknet und den Joghurtbecher mit dem Finger ausleckt, sprechen Bände. Natürlich verallgemeinere ich stark und zum Glück erlebte ich auch einige Ausnahmen. Leute die das struppige Fell meines Drahtesels anders deuteten. So war ich, über Bob gebeugt, am Lebensmittel verstauen, als sich plötzlich ein Geldschein seitlich in mein Blickfeld schob. Erstaunt schaue ich auf und frage die alte Frau wo ich denn den Schein verloren hätte? Sie schüttelt den Kopf drückt mir das Geld in die Hand und meint „Sie sind bestimmt auf der Walz“. Plötzlich bremst ein Auto, ein Mann, eine Tankstellenbekanntschaft, steigt aus und entschuldigt sich. Er hätte mir eine Dusche anbieten sollen, ich hätte doch bei ihnen übernachten können, falls ich aber nicht umkehren möge, müsse ich mindestens diese zwei Würste annehmen. „Quiiiitsch, pffffffsss“ Ein Wunder! Gibt es so etwas? Der erste in drei Jahren?! Ein Lastwagenfahrer der bremst! Wegen mir! Weil er nicht überholen kann! Ein Leben ist wieder mehr wert als das Bremsen einem Chauffeur lässtig ist. Und schon bald rege ich mich über die europäischen Lenker auf. Denken die eigentlich ihr Auto sei drei Meter breit oder ich könne nicht gerade aus fahren? Pfeift mal auf die ausgezogene Linie, überholt doch endlich ihr Angsthasen, anstatt hinter mir eine Kolonne zu verursachen. Natürlich bin ich es der schlussendlich genervt zur Seite fahren, ausweichen und anhalten muss. Vor einem Bahnhof auf einer Bank, in einer Vorstadt, sitzt eine schwarze stillende Frau. Eine Szene wie aus dem tiefsten Afrika, wären die beiden nicht alleine. Lautlos kullern der jungen Mutter Tränen über die Wangen. Ich bin gerührt, fühle mich verpflichtet, zu helfen. Wie oft haben mir kleine Gesten den Mut zurückgebracht? Ich setze mich zu ihr, biete ihr Kekse an. Sie kommt aus Ghana, wohnte aber auch in Benin, in Nigeria. Schnell finden wir Gemeinsamkeiten, reden über Städte die wir beide kennen, aber plötzlich verstummt sie wieder. Nun laufen auch mir Tränen runter. Wehmut, Heimweh,? Nach der Schweiz? Nach Afrika? Mist, irgendetwas muss ich sagen, etwas von Afrika, etwas Schönes. Drei Jahre alleine reisen, scheinen mich Elefanten im Porzellanladen, rhetorisch nicht gerade weiter gebracht zu haben. Unkontrolliert rutscht mir die dümmste aller möglichen Fragen heraus. „Do you miss Africa?“ Ihr Tränenstrom verwandelt sich in Victoriafälle. Betretene Stille. Der Bus der ihren Mann ausspuckt, trifft ein, meine Rettung. Mich nicht beachtend, schnauzt er sie an. Zusammen gehen sie weg. Obwohl Kilometerzahlen für den Langzeitradler nebensächlicher werden (sollten), weiss doch jeder ganz genau wie viele er schon in den Beinen hat. Mindestens um Hitfrage Nr.1 beantworten zu können, meistens aber auch aus Stolz. Auch ich fühlte mich plötzlich unbefriedigt mit 48xxx km anzukommen. Eine runde Zahl die man nennen kann ohne zu übertreiben, sollte es halt schon werden. Dies hatte ein noch stärkeres Mäandrieren zur Folge und schlussendlich querte ich die Grenze ins Heimatland (in Hamburg gestartet!) von Italien her. Schlussendlich ziehe ich Bob auf den Weissenstein. Die letzte Nacht im „Busch“. Der Wassersack hängt am Triangulationsdreieck. Die letzte Openair-Dusche mit Blick auf ein Lichtermeer. Aber nicht irgend eines. Mein Lichtermeer. Das Berner Mittelland, meine Heimat. Zeremoniell „koche“ ich die letzte Malzeit, einen Beutel Astronautenfutter, den ich in Senegal von einem Paris-Dakar-Fahrer geschenkt bekommen und als eisernen Vorrat durch ganz Afrika geschleppt hatte. Zum letzten Mal baue ich eine Sternendach-Wagenburg gegen den Wind... in der ich kaum Schlaf finden kann. Zu laut pfeift der Wind durchs Fahrrad, vor allem aber gehen mir zu viele Gedanken durch den Kopf. Ich habe mehr als ein Ziel erreicht, ich habe mir nicht einen Traum erfüllt, sondern DEN TRAUM. Und jetzt? Wie geht es weiter in meinem Leben? Es ist soweit, ich fahre dort ein wo ich unerfahren vor 1176 Tage weggefahren bin. Als ich auf den Hausplatz einbiege, höre ich die Frage meines Patenkindes Flurin. „Wenn chunt dr Dötti Adlian?“ Jetzt, er ist da! Das Vertrösten hat ein Ende. Ich schleiche mich ums Haus auf die Terrasse und wir liegen uns mit feuchten Augen in den Armen. Grüsse aus Fraubrunnen Adrian |
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