| 03.06.2009 Frachtschiffsreise Durban - Hamburg | | Print | |
| Written by Adrian Guggisberg | |
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Zurück nach Europa auf einem Frachtschiff... Das Warten dauert weiter. Ich sitze in meiner grossen Zweizimmer-Koje mit Dusche, WC, Fernseher mit Videogerät, Radio, zwei Betten, einem Bürotisch, einer Couche und drehe Daumen. Vorgestern kletterte ich an Bord der „Amber Lagoon“, eines Mehrzweck-Frachters. Die Container und die gepanzerten Armeefahrzeuge sind längst geladen, aber immer noch liegen wir in Durban. Gestern verkündete der Captain, dass wir wegen schlechtem Wetter im sicheren Hafen bleiben, heute, dass wir wegen Platzmangel auslaufen müssen - vor die Tür gesetzt wie ein Hund, raus in die unberechenbare See. Egal wie gross die Frachter sind, noch immer hat die Natur die Macht auf den Weltmeeren. ![]() Endlich, der Motor beginnt zu stampfen, sanft legen wir ab, gleiten weg von den Kränen. Die Schlepper ziehen uns bei schönstem Wetter durch die Hafenanlage raus in den glatten Indischen Ozean. Von der Brücke renne ich zum Bug. Mit Heimweh und Afrikaabschiedsschmerz im Herzen starte ich die Reise in Titanic-Manier, in den Sonnenuntergang fliegend. Bereits nach einer Viertelstunde spielen Delphine in der Bugwelle, jagen durchs Wasser, springen in elegantem Bogen durch die Luft, legen sich auf die Seite, kreiseln um die eigene Achse, formieren sich neu - ein lustvolles, faszinierendes Geschicklichkeitsspiel. Das Meer war nur dem Laien glatt erschienen. Die Wasserberge, wegen ihrer Grösse beinahe übersehbar, liegen – zwar (noch) nicht mit Schaumkronen geschmückt – 120 Meter auseinander. Bald muss ich die Kamera festhalten und mich kräftig an die Reling klammern. Wie auf einer Achterbahn geht es hoch, höher, in den Himmel bis unvermittelt die Nase runter sticht in die Wellentäler. Sofort wird mir bewusst: Die Frage ist nicht OB ich seekrank werde, die Frage ist in wie vielen SEKUNDEN ich das erste mal die Fische füttern werde. Breitbeinig torkle ich in Richtung meiner Koje. Ein gar nicht so einfaches Unterfangen bei diesem Wellengang auf nassem Stahlboden, in Fahrradschuhen mit Eisenplättchen an den Sohlen. Ausgestreckt auf dem Bett, kämpfe ich bis zum Abendessen gegen das Unwohlsein, schwanke die Treppen runter, immerhin schaffe ich vier Stockwerke. 4052 Sekunden sind verstrichen bis ich das erste Mal würgend ins WC renne. Den tapferen Seemann spielend, wage ich mich nicht den Kapitän zu fragen ob dieses extreme Pendeln normal sei. Fürchte mich vor dem Lachen, vor allem aber vor der Antwort. Besser ich erzähle ihm von den Delphinen. Seine Miene wird ernst: „Wenn du bei solchem Seegang noch einmal auf Deck rumspazierst, muss ich dich im nächsten Hafen von Bord werfen!“ Die folgenden vier Tage verbringe ich mit Seekrankheit light in meiner Koje. Light meint, dass mein Zustand zum Glück nur mit unwohl, nicht elend oder gar hundeelend beschrieben werden kann. Am ersten Abend verspüre ich gar Lust mir einen Film anzugucken... um herauszufinden, dass man auch bei Videos Werbepausen einbauen sollte. In zwei Stunden werfe ich mich der WC-Besen-Gottheit vier Mal zu Füssen, um auch noch die Magensäfte zu opfern. Im Bett liegend, dem einzigen Ort wo es mir wohl ist, zieht die Wild Coast an mir vorbei. Horizontal nur langsam, vertikal dafür ein Mal in drei Sekunden. Ein Frachter, nicht mit aktivem Stabilisationssystem ausgerüstet wie Passagierschiffe, ist ein umgedrehtes Pendel. Bessere Aussicht, weniger Vibrationen und Lärm in den oberen Etagen bezahlt man mit mehr Pendelweg. Noch ein paar Grad mehr Neigung und ich muss mich im Bett angurten. Die Fahrt entlang der berühmt berüchtigten Südküste ums Kap der guten Hoffnung dauert wegen schlechtem Wetter doppelt so lange wie üblich. Die Geschichten von 20-30 Meter hohen Wellen habe ich den Küstenbewohnern nicht ganz abgenommen, nun werden sie vom Captain bestätigt. Meeresbodenrelief, ungünstige Strömungs- und Windbedingungen haben in den letzten Jahrhunderten hier viele Schiffe sinken oder auflaufen lassen. Dann wird die See ruhiger, der stattlichen Zahl von 16’736 Pferden wird Zügel gegeben. Der 8-Zylinder-Sulzer-Motor mit einem Hubraum von 3052 Litern legt sich ins Zeug und beschleunigt unsere 38’138 Tonnen auf 15 Knoten (27,8 km/h), die ökonomischste Reisegeschwindigkeit, jedoch nicht die ökologischste. Die Rosse müssen mit 45 Tonnen Schiffsdiesel gefüttert werden. Täglich! Die Schifffahrt scheint sich nicht nach Schweizer Uhren richten. Über 26 Stunden dümpelten wir vor Walvis Bay bis wir endlich einlaufen durften. Die Freude festen Boden unter den Füssen zu haben ist kurz. Fest ist relativ! Fest war für mich das Schiff geworden, nun schwankt das Festland. Radeln erfordert höchste Konzentration und im Internetcafe wird's mir vor dem PC übel. Der Spuk ist zum Glück nach einer Stunde vorbei, die Zeit ist gekommen um sich dem Vernichten angestauter Kräfte zuzuwenden. Von sechs Stunden Sport täglich runter auf Null ist ein Hardcore-Entzug. Ein paar Tage nahm sich der Körper Zeit sich zu erholen, um bald ruhelos zu werden. Die Freude über den entdeckten Hometrainer war von kurzer Dauer. Ein idiotisches Modell, vielleicht geeignet als Geschenk für Rekonvaleszente zum 100. Geburtstag oder darüber. Die maximale Belastung ist wie mit 60 km/h im kleinsten Gang bergab. Hilfloses Strampeln im Leerlauf. Der Chef-Ingenieur meinte , ich müsse halt schnelle und lange Einheiten absolvieren. Nach 50 Minuten Treten im Vakuum musste ich aufgeben. Nicht wegen müden Beinen sondern weil die Maschine verdächtig zu stinken begann. Walvis Bay, eine Stadt in der Namibwüste, umzingelt von Meer und riesigen Sanddünen, kam wie eine Erlösung. Die Hochseeschifffahrt ist längst ein globales Business. Die Reederei ist Deutsch, die „Amber Lagoon“ in China gebaut, fährt unter der Flagge der Marshall Islands, an Bord eine polnische Crew. Somit gibt's auch keine Diskussionen über die Menus. Drei mal täglich werden abwechslungsreiche polnische Gerichte serviert. Der Gast bewohnt nicht nur die Koje die mit Owner’s Room angeschrieben ist, er sitzt auch im Esssaal der Offiziere mit dem Captain, dem Chef-Ingenieur und dem 1. Offizier am Tisch. Die ruhige 21 Mann zählende Crew ist gut eingespielt, zu gut. Was gesagt werden muss, ist längst gesagt. So bin es immer ich der zögernd die Stille bricht um eine weitere Frage beantwortet zu haben. Tuut, tuut, tuut, tuut, tuut, tuut, tuut, tuuuuuuuuuuuu! Sieben Mal kurz, ein Mal lang. Mist, Generalalarm. Helm aufsetzen, Schwimmweste und Überlebensanzug packen, ab zum Freifallrettungsboot. Einmal wöchentlich gibt es eine Rettungsübung. ¾ der Mannschaft klettert ins sicherste Rettungsboot auf dem Markt. Aus dem Titanic Desaster gelernt, erfordern die heutigen Kapseln kein langwieriges Wassern mehr. Klick, das verschlossene Boot rutscht vorwärts und fällt mehrere Stockwerke runter ins Meer. Schade, dass der Klickmechanismus nur zwei Mal jährlich getestet werden muss. Bereits nähern wir uns dem Äquator. Was in Afrika Heuschrecken waren die vor dem Vorderrad flohen, sind es hier fliegende Fische vor dem Bug. Scheint die Sonne im richtigen Winkel ins Wasser, sieht man sie beschleunigen. Plötzlich brechen sie durch die Wasseroberfläche, heben ab, fliegen zehn, zwanzig Meter, setzen auf dem nächsten Wellenberg nur die wedelnde Schwanzflosse ins Wasser, beschleunigen ein weiteres Mal und segeln noch ein paar Meter weiter. Das interessanteste Spielzeug auf der Brücke ist das AIS (Automatisches Identifikation System) das alle relevanten Schiffsdaten für andere Verkehrsteilnehmer (und Piraten) ausstrahlt. Stundenlang stehe ich vor dem Bildschirm der eine detaillierte Karte zeigt, klicke auf die Nachbarschiffe, schaue wo hin sie unterwegs sind, was sie transportieren, wie gross, wie schnell... und lasse eine Simulation der Zukunft laufen um zu sehen ob es bei den jetzigen Kursen zu einem Zusammenstoss kommen wird. Eigentlich ist eine Schifffahrt die falscheste Variante um vom Kontinent der Zeit hat zu demjenigen mit der Uhr zurück zu kehren. Anstatt Arbeitsvorgänge zu beschleunigen, muss ich sie in die Länge ziehen. Fast ein Monat auf dem Wasser bedeutet eine Menge Zeit zu haben. Um mich nicht jeden Tag wie mit überfülltem Brunchbauch an einem verpennten Sonntag zu fühlen, musste ich mir einen Tagesablauf aufzwingen. Zum Glück konnte ich mir ein paar Arbeiten organisieren. Ein Autor des Fahrrad-Welt-Führers hatte mir einige Länderkapitel zum Überarbeiten geschickt. Für die FindABiker-Webseite, mit deren Entwicklung ich in Nairobi begonnen hatte, war definitiv grundlegende Programmierarbeit nötig, somit musste ich mich zuerst mit AJAX vertraut machen; und natürlich Material warten, bzw. reparieren. Löchrige, alte, defekte, mir ans Herz gewachsene Ausrüstungsteile, die längst abgeschrieben sind, mussten für die letzten paar hundert Kilometer fit gemacht werden. Vigo ist der erste europäische Hafen den wir in der Morgendämmerung ansteuerten. Das Lichtermeer, später die Bauten betrachtend, runzelte sich meine Stirn. Irgend etwas ist ungewohnt, anders als bei den Südafrikanischen Hafenstädten. Aber was? Nach ein paar Minuten grübeln habe ich es endlich raus. Es ist die Enge, ein heilloses Gedränge! Die Stadt scheint ok, auch durch ein Hochhaus- und Townshipfilter gedrückt– gewinzipd zu sein. Container Terminals, Industrie, Seglerhafen, Wohnblocks, Shopping-Center, alles dicht gedrängt ineinander übergehend. Wieder in See stechend, krackelte plötzlich das Funkgerät. Mayday, Mayday! Ein verzweifelter Captain einer Yacht ist zu vernehmen. Etwas hätte ein Loch in den Rumpf gerissen, sein Boot fülle sich mit Wasser. Ein Hilferuf muss beantwortet und ihm Folge geleistet werden. Nur, wenn eine Jacht sich den Bauch aufgeschlitzt hat, wie können wir mit 10 Metern Tiefgang in ihre Nähe kommen? Das zuständige Rettungszenter weist uns an unsern Kurs zu halten, da sie eines ihrer Boote schicken. Kurze Zeit später kann der Sohn ins Rettungsschiff klettern, eine Pumpe wird in der lecken Yacht installiert. Danach versucht der Vater zum nahen Sandstrand zu segeln um das Boot dort allenfalls einfacher aus der Tiefe holen zu können. Wie die Geschichte ausging, haben wir nicht mehr mitbekommen... Nach der Fotoschau über meine Reise für die MACS-Mitarbeiter werde ich auf eine Stadtrundfahrt durch Rotterdam mitgenommen. Ich fühle mich wie die Kinder aus den Capeflats an der Waterfront in Kapstadt, die den Mund offen vergessen und Angst haben auf die Rolltreppe zu gehen. All diese Hochglanz Handycover-Parfüm-Mode-Schnickschnack-iPhone-Fitness-Shops! Die Frage bei mir ist aber nicht warum, auch nicht wieso, vielmehr wozu? Rotterdam bzw. Holland hat glücklicherweise die Fähigkeit den Eigenkulturschock zu dämpfen. Ein Radreisender muss sich da wohl fühlen. Fahrräder überall! Nach genau einem Monat endet m ein Seemannsleben. Wir sind in Hamburg, ich bin zurück in Europa. Meine Schiffsreise darf ich mit einer herrlichen Hafenrundfahrt abschliessen, da wir zuerst in der einen Ecke des Hafens 7700 Tonnen Weizen luden, um dann in die andere Ecke zu wechseln für den Umschlag der restliche Fracht. Der sarkastische Dank gilt Robert Mugabe fürs Zerstören der Kornkammer Afrikas. Gruss Adrian, der Indianer der Peer Steinbrück voraus ist, da er zwei Wochen in Ouagadougou war... Zu den Bildern |
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das Schiff geworden, nun schwankt das Festland. Radeln erfordert höchste Konzentration und im Internetcafe wird's mir vor dem PC übel. Der Spuk ist zum Glück nach einer Stunde vorbei, die Zeit ist gekommen um sich dem Vernichten angestauter Kräfte zuzuwenden. Von sechs Stunden Sport täglich runter auf Null ist ein Hardcore-Entzug. Ein paar Tage nahm sich der Körper Zeit sich zu erholen, um bald ruhelos zu werden. Die Freude über den entdeckten Hometrainer war von kurzer Dauer. Ein idiotisches Modell, vielleicht geeignet als Geschenk für Rekonvaleszente zum 100. Geburtstag oder darüber. Die maximale Belastung ist wie mit 60 km/h im kleinsten Gang bergab. Hilfloses Strampeln im Leerlauf. Der Chef-Ingenieur meinte , ich müsse halt schnelle und lange Einheiten absolvieren. Nach 50 Minuten Treten im Vakuum musste ich aufgeben. Nicht wegen müden Beinen sondern weil die Maschine verdächtig zu stinken begann. Walvis Bay, eine Stadt in der Namibwüste, umzingelt von Meer und riesigen Sanddünen, kam wie eine Erlösung.
Fische vor dem Bug. Scheint die Sonne im richtigen Winkel ins Wasser, sieht man sie beschleunigen. Plötzlich brechen sie durch die Wasseroberfläche, heben ab, fliegen zehn, zwanzig Meter, setzen auf dem nächsten Wellenberg nur die wedelnde Schwanzflosse ins Wasser, beschleunigen ein weiteres Mal und segeln noch ein paar Meter weiter.
ein Seemannsleben. Wir sind in Hamburg, ich bin zurück in Europa. Meine Schiffsreise darf ich mit einer herrlichen Hafenrundfahrt abschliessen, da wir zuerst in der einen Ecke des Hafens 7700 Tonnen Weizen luden, um dann in die andere Ecke zu wechseln für den Umschlag der restliche Fracht. Der sarkastische Dank gilt Robert Mugabe fürs Zerstören der Kornkammer Afrikas.