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Kruger, Johannesburg, Soweto, Drakensberge... goodbye South Africa
Von der Reederei MACS hatte ich den Fahrplan erhalten und durfte ein Frachtschiff auswählen, das mich nach Hamburg mitnehmen wird. Schon in vier Tagen sticht der nächste Containerkahn in See. Nur noch vier Tage in Afrika?! Panik. In Südafrika sein ohne den Krueger Nationalpark zu besuchen? Ohne das berühmte Soweto zu betreten? Nein, nicht mit mir, nicht wenn ich schon mal da bin. Als ich fleissig am Planen von Abschiedstour und Ehrenrunde war, erhielt ich einen Anruf:“ Unsere 14-m-Jacht liegt im Hafen von Durban, in vier Wochen starten wir zur Weltumrundung, suchen Mannschaft, setzen Segel zuerst in Richtung Europa.“ Wer die Wahl hat, hat die Qual. Da ich mich auf den ersten Blick weder in die Crew noch die Jacht verliebte, entschied ich mich für einen Frachter der Ende April auslaufen wird.
In Durban wurde ich von meinem Gastgeber Gavin zu all seinen Anlässen mitgenommen, so auch zu einem Treffen von Motorradfahrern. Versammelt an der Tankstelle, war ich beinahe der einzige der keine mit Fransen verzierte Jeansjacke mit 1000 Aufnähern trug, aber ganz sicher der einzige auf einem mickrigen Scooter. Peinlich. Gavin meinte es sei einen Easy-Cruise und ich solle mich an der Spitze halten. Bereits nach einer Minute war ich alleine auf weiter Flur. Wwrrrruumm - 40 dröhnende Maschinen flogen an mir vorbei - abgehängt, das Schlusslicht. Als ich Gavin erreichte, der am Autobahnrand wartete, war ich gerade mal mit 60 km/h unterwegs. Mein untermotorisierter Lockenwickler, der normalerweise das Doppelte läuft, hatte ausgerechnet jetzt ein Problem. Mit vielen Minuten Verspätung trafen auch wir auf dem Festgelände ein. An all den zahlreich versammelten Gangs vorbei, absolvierte ich ein Paradefahren der sehr peinlichen Sorte. Kaum angekommen, dröhnte schon mein Name aus den Lautsprechern. Etwas nervös vor 200 Leuten interviewt zu werden, wollte mir auf die Frage, warum um Himmelswillen ich nicht mit dem Motorrad unterwegs sei, keine geeignete Antwort einfallen. Ohne zu denken, griff ich zum Standard. Ein Motorrad mache viel zu viel Lärm. Mist! Ein Seemannsköpfler in den Fettnapf...
In St. Lucia protestierte ich wieder mal gegen überteuerte Campingplätze und wählte lange nach dem Eindunkeln einen Park mit Golf-Rasen zum Übernachten. Wegen des Zelt-Vebot- Schildes legte ich mich ohne Schutz unter den Sternenhimmel. Erschreckt fuhr ich hoch! Rupf, rupf, rupf, wälzte sich ein riesiger Koloss von Rasenmäher nur gerade neun Meter entfernt an mir vorbei. Nilpferde sind Leader in der afrikanischen Menschen-Pro-Jahr-Getötet-Statistik. Mein 2 Tonnen schweres Betttierchen war zum Glück nicht an Statistik sondern nur am Gras interessiert.
Den GAU von Kosi Bay verkraftend (siehe Kurzbericht ), wanderte ich durch den Nationalpark trauernd zurück zum Campingplatz. An tausenden mich auslachenden Fotomotiven vorbei, suchte ich meinen Weg durch die Seenlandschaft. Nicht einmal das Unschädlichmachen einer von Wilderern gebauten Falle für Nilpferde konnte mich aufmuntern. In den folgenden Wochen ohne Kamera wurde mir bewusst, wie wichtig das Klicken für mich geworden ist. Ich sehe Farben, Formen und Kompositionen die mir vor meiner Reise nie ins Auge gesprungen wären. Objekte im richtigen Licht sind wie Drogen! Was alles schön, gut und romantisch tönt, hat auch seine Kehrseiten. Schlechtes Licht und trübes Wetter kann mich in üble Launen versetzen, ganz zu schweigen von nicht genutzten Chancen oder falschen Einstellungen. Plötzlich scheint jeder Umweg, jedes vor der Sonne aufstehen, jedes bremsen, umkehren, absteigen und beobachten unnötig zu sein. Mit Schrecken stellte ich fest, was ich alles unternommen habe “nur” um zu fotografieren. Wozu, warum und vor allem für wen? Ohne Kamera wäre ich längst zuhause… und trotzdem, es macht mir Spass. Hier ein Danke an all die Leute, die mir während meiner einmonatigen Durststrecke ihre Kamera geliehen oder mir Bilder geschickt haben.
Unerwartet bekam ich die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren. Ein Email erreichte mich, dass „mein“ Frachter nicht hoch nach Mocambique gehe und deshalb früher in Richards- Bay auslaufe. Mist. Weder auf den Krueger zu verzichten noch das Rad auf den Bus zu verladen, waren eine Option. Zum Schrecken meiner Eltern und Geschwister entschied ich mich für die dritte Möglichkeit - ein noch späteres Schiff.
Beim Krueger Nationalpark angekommen, wählte ich etwas nervös die Nummer des Ngala Luxury Tented Camp. Nervös zum einen, weil normale Gäste in diesem privaten Tierreservat bis zu 750 Euro pro Nacht hinblättern, zum andern weil die Managerin, deren Eltern ich in Durban kennen gelernt hatte, wie Julia Roberts aussehen soll. Zwei Tage später werde ich am Parktor gestoppt, der Wächter telefoniert nach Ngala. Noch selten fühlte ich mich in meinen staubigen, von Sonne und Schweiss gebleichten Kleidern so unwohl und fragte mich das erste mal seit drei Jahren, was ich wohl entsprechendes anziehen könnte. Zehn Minuten später fährt in der Tat Julia in ihrem Wagen vor um mich abzuholen. Leider war in den folgenden Tagen Julias Assistentin abwesend, sie deshalb von morgens bis abends im Stress, ich musste mich mit einer Nebenrolle begnügen.
Der grosse Unterschied zwischen öffentlichem Nationalpark und einem privaten Tierreservat ist, dass die Besucher Wege und den Wagen verlassen dürfen und die Rangers mit geübtem Auge und Funkgerät das Suchen übernehmen. Beinahe täglich näherten wir uns den Big 5 auf Streicheldistanz. Zum Glück waren nicht nur Fototouristen sondern auch Wanderer zu Gast. Der mit Flinte bewaffnete Ranger und sein Spurenleser erklärten uns die Fährten der Tiere und führten uns gegen den Wind an die Riesen heran. Die Luxus-Zelte, die eine Abmessung von 16x8 m haben und über Badewanne, Dusche, WC und einem heizbaren Double-King-Size-Bett und vielen weiteren Schnickschnack verfügen, bedeuteten für mich alles andere als Luxus. Den Palast teilte ich mit ein paar klitzekleinen Mücken. In meinem Zelt sind die Fluchtmöglichkeiten der Plaggeister begrenzt aber in diesem vier Meter hohen Zirkuszelt blieb mir keine Chance. Entnervt gab ich die Jagd auf. Nach etlichen Aufwachern fiel mir erst in den frühen Morgenstunden ein, dass ich den Ventilator einschalten könnte. Kurze Zeit später tastete ich im Halbschlaf nach meiner Pinkelflasche, ein überlebenswichtiges Hilfsmittel im afrikanischen Busch um nicht in der Dunkelheit das Zelt verlassen zu müssen, an den ich mich viel zu fest gewöhnt habe. Die Flasche liegt nicht an der gewohnten Stelle. Nach dem Licht tastend, schmiess ich beinahe die Vase herunter. Hell wach nach dem blendenden Gang zum Wasser lassen, konnte ich wieder nicht einschlafen… Der Zufall wollte es, dass ein südafrikanisches Rentnerpaar, dem ich schon zwei Mal begegnet war, zu seinem 50-tägigege Krueger-Aufenthalt neben Ngala startete. Mit ihnen erlebte ich einige Tage im richtigen Park, an denen sich unser gemeinsames Glück beim „Tiere entdecken“ fortsetzte. Etwa, dass ich zum ersten Mal Löwen nicht nur herumtrotten oder im Schatten pennen sah, sondern rennend, Impalas jagend. Es ist zwei Uhr, Einschlafen unmöglich. Unmissverständlich wird das Brüllen der Löwen über die nächtliche Savanne getragen, dringt ungedämpft durchs dünne Zelttuch. Was wird mich in drei Monate wachhalten? Verkehrslärm oder die langwierige Suche einer Arbeitsstell? In Johannesburg fuhr ich, alles auf eine Karte setzend, bei Nikon vor. Zwar hatte ich eine negative Antwort auf das eingereichte Sponsoringgesuch erhalten. Wenigstens einen guten Preis erhoffte ich mir dennoch. Zuwenig bestimmt auftretend, brachte ich es leider nicht bis ins Büro des Bosses um meine Reise vorzustellen. Stattdessen pendelte die Assistentin hin und her bis wir uns auf eine beidseitig akzeptable Summe einigen konnten. Nach langwierigem Geldbeschaffen wegen tiefen Bezugslimiten, hielt ich meine Niky II endlich in den Händen. Schon in der folgenden Nacht setzten meine Angstträume, die Kamera werde mir gestohlen, wieder ein. Träume für die ich in Jo’burg guten Grund hatte. Meine Gastgeber waren von der mutigen Sorte und wagten sich, mir das Stadtzentrum zu zeigen. Wolkenkratzer mit eingeschlagenen Scheiben, zu Bruchbuden verkommene ehemalige Nobelhotels, Ampeln die nicht mehr funktionieren und überall lusche, herumlungernde Gestalten mitten im Zentrum der mit Abstand wichtigsten Stadt des Landes, ja des Kontinents. Aus Sicherheitsgründen zieht eine Firma nach der andern um ins neu entstehende Zentrum Sandton City, 20 Kilometer nördlich. Radeln ist wegen den rücksichtslosen Chauffeuren lebensgefährlich, sarkastischerweise haben aber die vielen Überfälle auf Autos positive Folgen. Um dem Banditen, der üblicherweise mit einer Eisenstange oder einem Backstein bewaffnet ist um damit die Autoscheibe einzuschlagen zu entkommen, wird mit grossem Abstand zum vorderen Fahrzeug angehalten. Eine Lücke die ideal ist um sich mit dem Rad durchs Verkehrschaos zu schlängeln… In halsbrecherischem Tempo, zusätzlich beladen mit einem Windows-95-Laptop um an Bord immerhin schreiben zu können, donnerte ich runter nach Durban, zur „Amber Lagoon“, dem 192 Meter langen Mehrzweckfrachter, der mich nach Hamburg mitnehmen wird. Von dort werde ich - wohl in meinem gewohnten Zickzack-Stil - zurück in die Schweiz radeln. Gruss Adrian
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Suedafrika, die Regenbogennation Suedafrika erlebte ich als das bei weitem kontrastreichste Land in Afrika mit Gegensätzen und Unterschieden sondergleichen: Das Menu eines Nobelrestaurants wird während der Kapstadtrundfahrt auf dem Motor des Ferraris gekocht, Millionen von Menschen leben in Slums, bei Wanderwegen in Nationalparks ist fürs Abnehmen der Kalorienverbrennwert angegeben, Zehn von zwölf Arbeitern eines Bauern sind in den letzten zwei Jahren an Aids gestorben und mir wird von einer Gastgeberin eine Augen belebende Nachtcreme für Männer geschenkt.
Extrem vielfältig ist auch die Natur. Von Wüste über Wälder zu Meer, von Tropenfrüchten zu Erdbeeren und Weinbergen, alles scheint in der entsprechenden Region zu wachsen. Gefreute habe ich mich über all die pensionierten Ehepaare die ein Zelt auf ihr Bakkie montieren und so ausgerüstet, ihr Land bereisen.
Die Folgen der Apartheid ist für den exponierten Radler leider noch zu oft spürbar. Ein Misstrauen, eine Reserviertheit, der ich nirgends in Afrika begegnet bin. Leute weigern sich mich zu grüssen, wollen mir den Weg nicht erklären, schauen mich nur finster an. Das afrikanische Lachen ist verschwunden. Ich fühlte mich viel zu weiss und mit einer Etikette versehen die auf mich überhaupt nicht zutrifft. Deshalb beschränkten sich meine Kontakte leider fast ausschliesslich auf die extrem gastfreundliche weisse Minderheit. Südafrikaner ob schwarz oder weiss erklären mich täglich für verrückt alleine durch ihr gefährliches Land zu radeln. Bis heute weiss ich nicht ob sie alle übertreiben oder ich gerade in Turnschuhen und ohne Seil das Matterhorn bestiegen habe. Das unrassistische Südafrika. Ha! Das Arm-Reich-Gefälle zu verringern, muss das Ziel sein. Ist der Ansatz richtig, dass Weisse 20% bessere Noten erreichen müssen um den selben Studienplatz zu bekommen? Ist es langfristig sinnvoll Posten in Firmen nicht an die besten Leute, sondern die mit der "richtigen" Hautfarbe zu vergeben?Der gefährlichste Keil der das Land neu spaltet, Rassismus und Verbitterung erzeugt, heisst aber Kriminalität. Fast alle meiner Gastgeber können eine Horrorgeschichte erzählen, zeigten mir Narben oder ihr Waffenarsenal zur Selbstverteidigung.Eine Völkerwanderung ist im Gang. Weisse die nicht auswandern, ziehen aus den Stadtzentren, verbarrikadieren sich hinter Mauern und Elektrozäunen und organisieren sich Nachtwachen. Mit ihnen ziehen die Einkaufsgeschäfte. Shoppingmals schiessen in den neuen Quartieren aus dem Boden während sich in den verlassenen Gebäuden oft afrikanische Ausländer niederlassen. Öffentlicher Verkehr ist für die Mittelschicht quasi inexistent, da zu gefährlich. Oft ist es Aufgabe der Mutter täglich Stunden im Auto zu verbringen, um die Kinder zu den Privatschulen und zum Sportunterricht zu chauffieren. 
Während Weisse sich über die Afrikanisierung beklagen – Polizisten mit Laserpistolen kontrollieren die Fahrgeschwindigkeit während 70 m weiter Frauen auf der Autobahn Früchte verkaufen, Bushaltestellen unbedient bleiben dafür uneffizient alle 100 m angehalten wird um am Strassenrand Passagiere aufzunehmen, um bei den lustigeren Beispielen zu bleiben – erklären mir Schwarze, in 20 Jahren werde man keinen Unterschied zwischen Europa und Südafrika mehr sehen. Nur in einem Punkt scheint das Land am Kap über alle Farben und Kulturen hinweg sich einig zu sein, im Verehren von Nelson Mandela. |