|
Durch die zu wilde Wild Coast und über die Pässe in Lesotho mit nur einem Gedanken im Kopf: wie komme ich auf ein Schiff?
Drei Jahre in Afrika - und mir bleiben immer noch schockiert die Worte im Hals stecken. In verschiedensten Hinsichten. Auf der Suche nach einem Stahlrohr um den gebrochenen Fahrradrahmen zu schienen, wurde ich vom weissen Verkäufer in einem auf Rohre spezialisiertem Geschäft freundlich weiter verwiesen: “Ja, wir haben diese Grösse, frag die Affen dort drüben.” Bei den schwarzen Mitarbeitern angelangt, machte sich der eine mit dem Messband auf die Suche, während die andern herumsitzend, weiter plauderten. Er mass und mass und wollte nichts passendes finden können. Ungeduldig äugte ich ihm über die Schulter. Er drückte das flache Messband an die runde Innenseite, nicht sehend und nicht begreifend, dass der entstehende Halbmond gut 30% Messfehler bedeuteten und er den richtigen Innendurchmesser nie finden würde. Wenn das ein Spezialgeschäft ist, wie um Himmelswillen wird sonst gemessen? Die Fahrrad-Frauen von Redhouse bei Port Elizabeth begleiteten mich durch ihr Quartier. Beim Abschied nehmen fragten sie wo ich übernachten werde. Wie immer zuckte ich auf diese Frage antwortend mit den Schultern. Auch die Frage welche Route ich denn fahren werde, konnte ich nicht beantworten, was Entsetzen auslöste. Immer noch kann ich Stunden lang die Landkarte studieren, die Entscheide fallen aber afrikanisch spontan je nach Lust und Laune auf der Kreuzung. Tatsächlich komme ich nur gerade 30 km weit. Die Sanddünen von Sundays River sind zu schön um nicht bei Abendlicht bewundert und fotografiert zu werden. In East London, eingeladen bei einem deutschen, für Mercedes-Benz arbeitenden Ehepaar, wurde ich um eine weitere Illusion erleichtert. Nicht die zwar günstigen aber doch brauchbaren Arbeitskräfte oder das gute Umfeld lässt viele Automobilhersteller in Südafrika produzieren, der Hauptgrund sind die extrem hohen Einfuhrzölle auf Neuwagen.
Mit dem Geschenk, der einzigen brauchbaren Landeskarte von der Wild Coast, machte ich mich auf in die Transkei, dem viel ärmeren, ehemaligen “Reservat” des Xhosa Stammes. 95% der Südafrikaner erklärten mich als verrückt, allein durch dieses Gebiet zu radeln. Erstens aus Sicherheitsgründen, zweitens wegen dem unwegsamen Gelände, alle betonten aber wie wunderschön die Gegend sei. Einmal bekam ich eine gelb gesprenkelte Kartenkopie geschenkt. Als ich witzelte warum er mir die Bananenstauden angestrichen hätte, meinte er ernst: “Dies sind die Gebiete wo in den letzten dreissig Jahren Leute umgebracht oder vergewaltigt wurden”. Die Erfahrungen die ich machte, waren zum Prognostizierten invertiert. Leute luden mich in ihre Lehmhütten und zum Essen ein, retteten mich vor dem drohenden Gewitter, Frauen am Meer rösteten Muscheln für mich, und ein Mann, gekleidet in Lumpen, der aufmerksam zuschaute wie ich die Kette meines Rades pflegte, wollte mir 10 Rand geben damit ich nicht immer nur Wasser trinken müsse. Mein Ziel war es der Wild Coast zu folgen. Eine Küste die ihrem Namen gerecht werden sollte, kaum touristisch ist und nur zwischendurch auf Pisten angefahren werden kann. Ein Mountainbiker wusste, dass es ein mehrtägiges Rennen gibt und auf meiner neuen Karte entdeckt ich sogar ein Fahrrad-Zeichen “The Wild Ride”. Zuvor konsultierte ich eine GPS Karten-Software und Google Earth. Tatsächlich zeigten die Sattelitenbilder ein paar Wegspuren und Kuhpfade. Im heulenden, Sand peitschenden Gegenwind legte ich die ersten 6 km zurück, nicht ahnend, dass ich schon am nächsten Tag mir diese Traumbedingungen zurück wünschen würde. Auf der Sandfläche wo bei Flut die Wellen branden, konnte ich bei Ebbe radeln sofern nicht gerade ein Fluss zu viel Humus abgelagert hatte, und daher der Sand zu weich war. Auf 120 km suchen sich 35 Flüsse einen Weg ins Meer! Einige hatten einen verschlossenen Mund, durch andere konnte ich zuerst das Rad, dann den Anhänger tragend, waten. Bei wieder anderen musste ich zuerst stundenlang auf Ebbe warten. Dank Fischer und nächtlichem Fremdboot benutzen kam es aber nie zum ultimativen Test. Hätte der Wassersack, die aufblasbare Liegematte, die drei 2l Plastikflaschen und der blaue, nur noch knapp wasserdichte Sack genügend Auftrieb gegeben um das Rad und Bob ohne verheerenden Satzwasserkontakt auf die andere Seite zu schwimmen? Die Küste wurde immer felsiger, ich wurde in den weichen Sand gedrängt. Stossen. Dann Kuhpfade die Bob einklemmten. Tragen. Steil bergan, stossen. Noch seiler stossen geht nicht mehr, Rad ziehen. Blasen auf der Handflaeche. Und noch steiler, steiniger bergan. Tragen. Wo ist der Pfad? Gefährt liegen lassen, rekognoszieren, zurück wandern, Bob abhängen, Fahrrad tragen, Anhänger holen. Sackgasse. Zurück. Autsch, grosser Zehennagel löst sich. Velo, dann Bob auf dem Buckel, rennen, wenn Welle kommt auf Felsen krackseln. Nichts von “Wild Ride”, “Long Push” ist treffender.  Jedes Mal wenn ich mich entschieden hatte aufzugeben, erreichte ich die nächste menschenleere Sandbucht mit traumhaftem Flussdelta. Bestimmt wird es bald besser…
Nach einem satten Acht-Stunden-Arbeitstag, die letzten drei Kilometer nonstop Rad durch den Sand stossen, erreichte ich eines Abends doch noch den angesteuerten Backpacker. Obwohl von riesigen Rasenflächen umgeben, sollte es nicht möglich sein mein Zelt zu stellen. So beschloss ich die nächste Ebbe zur Flussquerung zu nutzen. Um 23.00 Uhr stolperte ich durch den von der schwachen LED Stirnlampe undurchdringlichen Nebel zum übrig gebliebenen Rinnsal im Wasserlauf hinunter. Ich stieg ins Wasser und… musste schwimmen. Versuchte es 20 Meter näher zum Meer und verlor wieder den Grund unter den Füssen. Auch Versuche drei und vier weiter Fluss aufwärts scheiterten. Wo zur Hölle ist die mir als durchwatebar beschriebene Stelle? Pro Jahr sterben weltweit vier Mal mehr Menschen durch herunterfallende Kokosnüsse als bei Haifischattacken. Trotz der verschwindend kleinen Chance, - bei Ebbe erst recht - beginnen sich die Gedanken immer mehr um die grossen grauen Fische mit den scharfen Zähnen zu drehen. Vor ein paar Wochen erwischte es einen Surfer 100 km nordwestlich von mir… Nach endloser verzweifelter hin und her Schwimmerei hatte ich die Nase voll. Die Falschinformanten verwünschend, schlich ich mich zurück zum Backpacker, nicht um das Zelt illegal zu stellen, nein, um ein Holzboot gratis zu mieten. Im Sand spulend und keuchend schleppte ich das Ding mit letzter Kraft ans Wasser, lud Bob und Fahrrad ein, warf Schuhe und Socken ins Boot und setzte meine Habseligkeiten über. Beim Ausladen griff meine Hand ins Wasser. Ich hatte einen löchrigen Kahn erwischt, Schuhe, Socken und die nicht mehr dichte Bob Tasche - somit ¾ meines Besitzes – waren getränkt! Schleppte schwimmend das Löchersieb zurück, querte die Flussmündung zum 2344 Mal, spannte das Drahteselchen vor und wollte Sicherheitsdistanz zurück legen. Leichter gesagt als getan. Die Sicht war - Nebel und Nacht bedingt - immer noch gleich Null. Zu laute Wellengeräusche hiess links halten, zu weicher Sand rechts ziehen. Platsch, ich landete im Salzwasser. Im Schutz eines Steins war das Flutwasser nicht abgeflossen. Irgendwann am frühen Morgen legte ich mich völlig fertig unter das am Rad befestigte Moskitonetz… um zwei Stunden späterer von Blitz, Donner und Regen geweckt zu werden. Ich will nach Hause! All mein Material im Meer versenken, in ein Flugzeug sitzen! Weg! Was verdammt noch mal mache ich da!? Hasse mein verfluchtes Kameltreiber-Ego, wo Kamel und Treiber der selbe Idiot ist. Will zu meinen Freunden, von einem Mädchen in die Arme genommen werden. In Coffee Bay beschloss ich abzubrechen, aufzugeben. Der letzte Abschnitt nach Port St Johns konnte mir gestohlen bleiben...
Schon der Wechsel in die Transkei war ein mächtiger Sprung zurück in der Entwicklung gewesen. Nach Lesotho, ins Land mit dem höchst gelegenen Tiefpunkt, kletternd, drehte jeder Höhenmeter das Rad der Zeit um ein weiteres Jahr zurück. Weg von den Südafrikanischen Shoppingzentren, den mit Villen bestückten Golfplätzen und endlosen Township Meeren, zurück zu den verstreuten Rundhütten, wo mit Feuer gekocht und geheizt wird, die Felder mit Rindern gepflügt und von Hand bestellt werden und Hauptstrassen löchrige Pisten sind. Jedermann war plötzlich wieder interessiert an mir. Die Kinder rannten mir über Kilometer nach und verlangten Sweets, Sweets, Sweets. Leute wollten wissen aus welchem fernen Land ich komme und luden den seltsamen Fremden auf dem Fahrrad mit drei Rädern zum Essen ein. Für mich galt es in Lesotho Abschied zu nehmen vom materialarmen und zeitreichen Afrika. Währenden einer Einladung wurde mir nach 20 Minuten wohl für eine ganze Weile der letzte Heiratsantrag gemacht. Wie anders ist eine Kultur, wie verzweifelt muss man sein und wie stark idealisiert man eine fremde Lebensform, dass man sich dem erst besten bärtigen, verschwitzten, stinkenden Tourenradfahrer an den Hals wirft?
Oben am berühmt berüchtigten Sani-Pass angekommen, genoss ich das Panorama und verzehrte die Henkersmalzeit. Die in ein Couloir gequetschten Serpentinen, generierten Respekt, selbst bei einem Schweizer. Meine Bedenken galten nicht der extrem steilen Felsbrockenpiste – nur zwei drei Mal musste ich anhalten und mit dem Fuss sturzverhindernd abstützen – sondern wegen meiner selbst verursachten Materialunzulänglichkeit. Wieso sündhaft teure Bremsbeläge kaufen, wenn die Afrikaner – Meister im Reparieren – mir für ein paar Cent Autobremsmaterial aufkleben? Bis zur Wild Coast bin ich damit hervorragend gefahren, dort setzte jedoch das Salzwasser und die extrem steilen Abhänge dem Gebastel zu. Im Tagestakt löste sich der Leim und bald wurde ich selber zum Bastler. In einer Autogarage bekam ich Trommelbremsenbelag der sich als zu weich erwies, jeden zweiten Tag durchgebremst war und ein abruptes Anhalten verunmöglichte. Getränkt mit Sekundenkleber liessen sich die Werte markant steigern, waren jedoch immer noch ungenügend. Im nächsten Städtchen schliff ich mir Beläge von alten Autoscheibenbremsen zurecht. Nun wollte der Leim nicht mehr halten... Ins Königreich der Pistenpässe Lesotho zu fahren ohne tadellose Bremsen ist etwa so blöd wie das Tourenrad der Wild Coast entlang zu stossen. Auf einem Rad mit gebrochenem Rahmen und ohne zuverlässige Bremsen, holperte ich im Schritttempo los. Alle 100 Höhenmeter machte ich eine Bremsscheiben-Wasserkühl-Leim-nicht-Überhitzen-Pause. Und schaffte es tatsächlich unfallfrei das Escarpment runter. Weniger erfolgreich war ich bei der Grenzkontrolle. Trotz allen Überredungskünsten, Zeitungsberichten über meine Reise, Kontoauszug bzw. Reichtumsnachweis und einem angepassten (oder gefälschten je nach Betrachtungsweise) E-Ticket von Johannisburg nach Zürich, wollten die Beamten mein Visum unter keinen Umständen vorzeitig verlängern.
Durban, die Stadt mit dem grössten Hafen in Südafrika, stand mir bevor, das Ziel meiner Ehrenrunde. Melancholie. Ich vermisse Afrika schon bevor ich es verlassen habe. Mein letzter Radeltag, das letzte mal das Zelt aufstellen. Die Stunden im Sattel verbrachte ich mit Aushecken von Strategien: Wie komme ich auf ein Schiff? Beinahe drei Jahre radeln und in 10 Stunden zurück in die Schweiz zu fliegen scheint mir das falscheste zu sein was ich machen könnte. Ich will mir einen Bubentraum erfüllen, eine reiseabschlusswürdige, langsame Rückkehrmöglichkeit nach Europa finden. Ich will auf ein Schiff. Seit einem Jahr erzähle ich allen Leuten von meinem Plan, schreibe Firmen- namen, Tipps und Adressen auf und durchforste das Internet. Meldete mich bei einer Crew-Finder Organisation an um auf eine Jacht zu kommen, verbrachte Tage im Yachtclub von Kapstadt und hängte in den Häfen der durchradelten Städte Inserate auf. Die totale Suche begann aber erst in Durban. Mein Vorgehen, welche Einladung anzunehmen, wo anzurufen, wen zu treffen, war so berechnet, das ich mich für mich selbst schämte. So lud ich mich, frisch (Dreiunddreissigtagebart ab-) rasiert, bei einem Freelance Journalisten ein. Um meine Chancen zu steigern, musste ich zuerst bekannt werden. Gavin Foster griff zum Telefonhörer und in die Tasten, er schrieb Artikel für Zeitungen und Magazine, lud andere Journalisten für Interviews und zum Fotografieren ein. Ich verbrachte Tage vor dem Computer mit Recherchieren und die halbe Welt wurde mit E-Mails, die eindrücklichsten Bilder meiner Reise angehängt, beglückt: Reedereien, Frachtschifftourismusbueros, Forschungsschiffe die zwischen Europa und Antarktis pendeln, Früchte- und Auto-Exporteure, Yachtclubs… Die Rückmeldungen waren ernüchternd: Auf einem Frachtschiff zu arbeiten sei unmöglich und die meisten Segelboote setzen wegen Wind und Strömung fast ausschliesslich nach Amerika über. Der Ärger wuchs auf mein nicht E-Mail-Abrufen in Lesotho, wurde mir doch ein Crewplatz auf einem Katamaran nach Kroatien angeboten… und ich sah das Mail erst 10 Tage später. Zu spät. Ich will auf ein verdammtes Schiff! Ein paar Tage später waren immer noch einige Artikel nicht gedruckt worden. Deshalb machte es keinen Sinn schon mit Phase Zwei zu beginnen, dem Hausieren, das heisst mein voll bepacktes Rad in die Teppichetagen stossen, in der Hoffnung, dass ein Entscheidungsträger Freude an meinem Reisebericht hat. Zweifel machen sich breit. Wie viele Wochen Zeit gebe ich mir? Wieso kann ich nicht wie jeder normale, vernünftige Mensch einfach in ein Flugzeug steigen? Niedergeschlagen klickere ich mich durch die zahlreichen neu eingegangenen E-Mails. Aus versicherungstechnischen Gründen nicht möglich… klick… keinen Bedarf an Crew… klick… leider… klick… Seemannsbüchlein erforderlich… klick…klick. Halt, das war zu schnell, zurück.
“Vielen dank für Ihre E-Mail. Ich kann gut verstehen dass Sie nicht mit dem Flugzeug reisen wollen und wir nehmen Sie und Ihr Fahrrad gerne mit…Bitte suchen Sie sich auf unserem Fahrplan http://www.macship.com/... ein passendes Schiff aus, wir werden dann alles weitere veranlassen…”
Ein Passabfahrt-Berggipfelerreichen-Simbabweverlassen-Tafelbergentdecken-Jauchzer entfuhr mir. Aufgeschreckt finden mich meine Gastgeber hüpfend, weinend und lachend gleichzeitig. Ich gehe nach Hause! |