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14.12.2008 Outjo - Cape Town PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Thursday, 18 December 2008
Durch die namibianischen Wüsten der Ziellinie entgegen...


Einige Kilo schwerer und voller Freude die letzte Etappe in Angriff zu nehmen, kehrte ich aus den Ferien in Südafrika nach Namibia zurück. Vorerst zog es mich hoch an die Grenze zu Angola, ins Kaokoveld. Im Reiseführer beschrieben als die letzte unerschlossene Wildnis in Afrika (der Autor scheint nicht zu wissen, dass de
Ovahimbar Nordosten der DR-Kongo wieder zu einem weissen Fleck auf der Karte geworden ist) und Heimat der Ovahimba. Trotz der lebensfeindlichen Bedingungen (Hitze, kaum Wasser, Wüste, unwegsames Gelände) aber wohl wegen der Unbeugsamkeit der Frauen, die ihre traditionelle spärliche Bekleidung nicht aufgeben wollten, liessen sich selbst Missionare nicht dauerhaft nieder. Modernste Technologie, GPS und Trecks for Africa (GPS Weg Programm) setzten der Abgeschiedenheit in jüngster Zeit stark zu. In den Dörfern sind die meisten Ovahimbas mittlerweile Fotomodelle für die Touristen und geniessen den Alkohol etwas zu ausgeprägt.
Um möglichst aus den Touristen-Orten wegzukommen, entschied ich mich für eine 450 km Schlaufe zur Skeleton - Coast. Besucher werden angehalten mindestens in zwei, besser mit drei 4x4's und mit GPS unterwegs zu sein um in Notfällen Hilfe holen zu können. Wie immer deutete ich Bob's (mein Fahrradanhänger) Schweigen als Zustimmung, nicht ahnend, dass ich das erste Mal falsch liegen würde. Über Stock und Stein und selten mit mehr als 10 km/h ging es durch die einmalige Wüstenlandschaft. Tatsächlich begegnete ich Ovahimbas, die ebenso interessiert waren an meinem Gefährt wie ich an ihrer Kultur. So erlebte ich einige eindrückliche Begegnungen und kam trotz meiner nicht für „Fotozahlen-Linie“ zu einigen Bildern.
Zum zweiten Mal verlor ich ein Rennen gegen einen Strauss und stellte das Rad keuchend ab. Diese Vögel sind unschlagbar schnell, dagegen scheint das Gehirn etwas weniger entwickelt zu sein. Wer keinen Kopf hat, der hat Beine... oder umgekehrt. Anstatt rechtwinklig von der Piste weg zu fliehen, rennt das blöde Tier 3 km lang vor mir her um nach 15 Minuten doch noch auf die Idee zu kommen seitlich auszuweichen. Als ich nach der Verschnaufpause das Rad aufstellen will... knack - der Anhänger hängt schräg. Schockiert starre ich auf das gebrochene Rohr der Aufhängung. Wieso gerade hier? In der Wüste? 200 km sandige, steinige Pisten bis zum nächsten Dorf mit mehr als 30 Hütten. Waren die zusätzlichen 20 Liter Wasser zuviel Gewicht? Zwei Tage lange hatte ich auf dieser Strecke kein Auto gesehen - wann wird das nächste kommen? Mit wachsendem Unwohlsein beginne ich zu basteln. Aufsteigen, losfahren, aufatmen, es hält. 10 Minuten später erspähe ich die untrüglichen Staubwolken von Fahrzeugen am Horizont. Zwei 4x4, zwei deutsche Ehepaare. Wir schwatzen eine ganze Weile, ich werde mit kühlem Wasser versorgt. Je länger je unmöglicher wird es mir von meinem Pech zu sprechen, der Unzulänglichkeit meines Fahrzeugs. Mein Fahrrad und mein Ich sind verschmolzen. Das Versagen meines Gefährts fühlt sich an als hätte ich versagt. So verschweige ich mein Pech. Ich komme da selber raus!
Es dauert 30 holprige Kilometer bis das Geflickte auseinander fällt. Das nun mit einem Schraubenschlüssel geschiente Stück hält, am gottvergessensten Polizeiposten vorbei den ich je gesehen habe
bobund 120 km dem Skeleton Coast Nationalpark entlang. Dann erreiche ich eine Lodge mit eigenem Flugfeld (Fly-In-Touristen) und da zu abgelegen, mit einer eigenen Werkstatt mit Schweissgerät. Zehn Minuten später bin ich in dieser, in Afrika leider nicht seltenen Situation, wo man als Laie sieht und spürt, dass derjenige der hier arbeitet, kaum eine Ahnung und noch viel weniger Interesse hat gute Arbeit zu leisten. Meinen Anregungen wurde zwar zugestimmt, aber meinen Bitten nicht Folge geleistet. So lag das verstärkende Metallstück nach dem viel zu langen Schweissvorgang immer noch am Boden. Die Schweissstelle erinnerte eher an einen riesigen Haufen Vogeldreck, der das Gewicht von Bob verdoppelte, als an eine saubere Schweissnaht. Meine schlimme Vorahnung wurde leider 500 km später bestätigt. Der zweite Schweisser machte dann seinen Job besser und die Aufhängung mit Unterstützung hält noch heute. Immerhin bin ich der Wüste lebendig entkommen...

In Namibia komplettierte ich meine zweite Afrikaquerung, diesmal vom Indischen Ozean zurück an den Atlantik. Ich feierte das Ereignis an einem 30 Kilometer langen Sandstrand für mich alleine. Das Bad während des bezaubernden Sonnenuntergangs war die Belohnung. Dass ich der einzige Badegast war, ist nicht erstaunlich. Das Meerwasser kommt direkt von der Antarktis, die Kälte stellte mir die Luft ab.

Kuiseb Pass hiess die nächste Herausforderung. 147 km bergan durch die Namib - Desert, auf einer Wellblechpiste. Auf einer schiefen Ebene der ein Dünen-Sinus überlagert ist, von Meereshöhe auf 1480 M. ü. Meer. Auf der gesamten Strecke von 232 km gab es kein Wasser was zusätzliche 22 kg bedeutete. Wenn der Schweiss am Berg in Strömen fliesst, ist mein mentaler Trost, dass mit jedem 100sten Höhenmeter die Temperatur um 0.7 Grad C abnimmt. Nicht so hier. Ich startete auf Meereshöhe bei 17°C (Antarktis Meeresströmung) und endete bei 39°C. Je menschenfeindlicher die Umgebung, desto freundlicher sind Leute. Die 4x4-Farhrer hielten so regelmässig (und plünderten ihre Lebensmittelvorräte zugunsten des verrückten Radlers), dass ich mit zwei Wasserflaschen locker durchgekommen wäre.
Leider war die Beziehung zu den Fahrern nicht immer ungetrübt. Fahrzeuge die mit 80km/h oder mehr auf den staubigen Pisten an mir vorbeidonnerten und wenn möglich auf der selben Höhe mir in die Ohren hupten, waren leider nicht selten. Meine Lungenkapazität reichte nicht um die Luft so lange anzuhalten bis sich der Staub gesetzt hatte. In vollen Zügen musste ich bei geschlossenen Augen inhalieren. Schrecklicher Hustenreiz war jeweils die Folge.

Einige Kilometer weiter südlich überquerte ich den Sonnenwendkreis. Nie mehr wird die Sonne senkrecht auf mich herunter braten. Thermometer habe ich keines mehr, aber es war so heiss, dass ich den Lenker mit weissem Klebeband umwickeln musste um ihn berühren zu können. Nach dem Mittag konnte ich dem Wasser aus den Plastikflaschen einen Teebeutel zugeben... Die Idee mit dem Fiebermesser die Temperatur zu messen, misslang. Nach dem herunter Schütteln sprang das Quecksilber sofort wieder zum Anschlag auf 43°C.

Einmal traf ich in der Morgenfrühe auf drei Motorradreisende die auf dem Weg nach Kairo sind. Während ich meine Kongotipps weiter gab, bemerkte ich, dass der eine seinen Blick nicht mehr von meinen Fahrradschuhen (oder den paar Löchern die nach 39100 km und 17 mal flicken noch übrig sind) abwenden konnte. Bei der Frage ob meine Webseite über eine Spendenfunktion verfüge, verneinte ich verwundert. Beim Verabschieden drückte er mir ein Röllchen Noten in die Hand mit den Worten "für neue Schuhe"...

Die Grenze zu Südafrika ist erreicht, meinem letzten Reiseland! Erneut erlebte ich wie unterschiedlich Afrika ist. Während unzähligen Flussquerungen in wackligen Einbäumen fürchtete ich, mein Rad werde auf Nimmerwiedersehen in den Fluten versinken. Hier, wo eine Autofähre den nur 30 Meter breiten Oranje-River überquert, musste ich mit Unterschrift bestätigen, dass keine Haftung übernommen werde und für 2 Minuten eine Schwimmweste überziehen.
Die grenzenlose Gastfreundschaft der „Afrikaner“ zog meine Reise weiter in die Länge. Wer kann schon nein sagen zu leckerem Essen, Dachgerüst bauen (Schweisskurs inbegriffen), trecken zu einmaligen Gesteinsformen und Wasserski fahren?
In Langebaan machte ich das erste mal von www.warmshowers.org Gebrauch, einer Organisation bei der sesshafte Radfahrer ihre Gastfreundschaft reisenden Kollegen anbieten. Ich hatte das Glück nicht nur einen Velofan zu treffen, sondern einen ausgezeichneten Mechaniker und Schweisser mit eigener Firma. Mein Fahrrad wurde generalüberholt und die wegen schlechten Pisten ausgeschlagenen Kupplungsteile von Bob geflickt.

Endlich! Das Herz droht aus der Brust zu springen. Dort im Dunst, noch mickrige 100 km südlich, ragt ein Berg in den Himmel. Ein Berg der flach ist wie ein Tisch. Table-Mountain! Das Wahrzeichen Kapstadts! Ich bin da! Ich schreie es in den Gegenwind. I did it. I fucxxxx did it!

Zwei Personen wollte ich vor den Toren Kapstadts besuchen die die gegensätzlichen Erlebnisse und Begegnungen auf meiner Reise nicht schöner widerspiegeln könnten. Einen Diamantenmine-Besitzer einerseits und andererseits einen kongolesischen Immigranten der sich mit Wächterjobs durchschlägt. Keiner der beiden war anzutreffen, und so konnte ich mir die Kapstadt-Ankunft nicht zum 30. Geburtstag schenken da ich zwei Tage zu früh ankam. Auch wenn bei einer solchen Radreise der Weg das Ziel sein muss, bleibt das Ziel ein Ziel. Unzählige Male, beim Erklimmen der steilen Pässe im Atlasgebirge, in der Saharahitze, beim Kämpfen gegen den Harmattanwind, während den Malariaschüben, auf der endlosen Wellblechpiste nach Timbuktu, den Platzregen in Kamerun, dem Kongoschlamm, mit gefrorenen Fingern in den Bergen von Simbabwe, beim Rad stossen durch die Namib - Desert malte ich mir die selbe Szene aus. Das Erreichen des Ortschildes mit den Lettern "Kapstaad". Und nun steht es vor mir. Oder, es würde vor mir stehen, wenn es ein Schild gäbe. Nach 927 Tagen, 40146 km radeln, 2314 Stunden im Sattel und Millionen von Schweisstropfen - am Ziel. Ein Olympiasieg? Einer der persönlichen Sorte auf jeden Fall.

Jeder richtige Sportler weiss, dass mit dem Erreichen der Ziellinie noch nicht fertig ist. Entweder begibt man sich zum Auslaufen oder auf die Ehrenrunde. So auch ich. Es wäre eine Schande nur gerade die Westküste von Südafrika zu sehen wenn ich schon mal da bin. Darum werde ich noch ein paar Wochen (Monate) anhängen um via Garden Route, Wild Coast, Leshoto nach Durben zu pedalen, also die Ehrenrunde. Dort befindet sich der grösste Hafen Südafrikas und ich hoffe ein Frachtschiff oder eine Jacht für meine Rückkehr nach Europa zu finden. Auslaufend werde ich zurück nach Fraubrunnen radeln, dort wo im Frühling 2006 die Tour begann.

Grüsse vom Kap der Guten Hoffnung
Adrian

 

Namibia, das Land der Zäune
Namibia ist zweigeteilt. Quer durchs Land verläuft ein Veterinärzaun der die Viehseuchen des Nordens vom Süden fernhält. Im Norden läuft das Vieh frei herum, im Süden gibt es kaum einen Fleck der nicht eingezäunt ist und zu einer Farm gehört. Links und rechts der Strasse hunderte von Kilometern Zaun, Zaun und noch mehr Zaun. Ich hatte die grösste Mühe Übernachtungsplätze zu finden. Oft war ich gezwungen das Zelt beim Zaun, gerade mal 10 m von der Strasse entfernt, aufzustellen.

Kaum ein Land verfügt über so viele Attraktionen wie Namibia. Der Tourismusboom ist enorm. Lodges schiessen wie Pilze aus dem Boden und die Pisten sind voll von Miet-4x4s. Ich musste vorsichtig sein, dass die Farmen die ich zum Übernachten ansteuerte, nicht über B&B oder Zeltplätze verfügten. Nicht dass ich diesen Luxus generell ablehne, aber ich bin nicht ein Tourist der in seinen Ferien nicht gestört werden und der sich erholen will. Meine Reise lebt von den Gesprächen mit den Einheimischen, meinen Eindrücken von ihren Lebensbedingungen. Viele Leute die mit Touristen arbeiten, beschönigen, verschweigen und mögen nicht jeden Abend das selbe erzählen.

Namibia verfügt über eine der geringsten Mensch - pro - Quadratkilometer - Raten, dafür über das grösste Schlangenaufkommen weltweit. Fast täglich begegnete ich den oft giftigen Tieren, meistens leider platt gefahrenen Exemplaren. Ovahimba

Die Kulturunterschiede erlebte ich in keinem Land so riesig. Man reibt sich drei Mal die Augen, wenn man in einem dank Klimaanlage herunter gekühlten Supermarkt nach westlichem Standard, barbusige, mit Butterfett und Ockerfarbe von Kopf bis Fuss rot angemalte, stark nach dem Harz des Omuzumba-Strauches riechende Ovahimba Frauen begegnet. Die traditionsbewussten Stämme befinden sich zwischen Stuhl und Bank. Eingeklemmt zwischen Tourismus, dem modernen Leben, ihren Traditionen, der Notwendigkeit plötzliche Geld haben zu müssen (Schulen, Arzt, Zucker und Tee… Mobiltelefon), dem Klimawandel und HIV/Aids. Der oft gewählte Ausweg heisst Alkohol.

Die Strassen und Pisten sind meist in hervorragendem Zustand, aus der Autofahrer- Perspektive. Während in vielen afrikanischen Ländern nicht ein mal ein Wegweiser zur Hauptstadt existiert, sind hier selbst unwichtige Pisten in abgelegenen Wüstenabschnitten mit Strassenschildern ausgestattet. So gut und übertrieben, dass ich es als Affront gegenüber der Bevölkerung empfand. Einheimische leben in 2x2 - Meter - Lehmhütten und dem Tourist wird signalisiert, dass sich die täglich zwei bis drei mal befahrene Piste während den nächsten 600 Metern nach links krümmt.

Zu den Bildern

 

 
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© 2012 to-adi - Adrian Guggisberg