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18.8.2008 Bulawayo - Outjo PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Zurück in die Supermarktgesellschaft...


In Bulawayo war ich auf eine vornehme Lodge eingeladen. Da sich in Simbabwe keiner mehr getraute zu reisen, standen die meisten Bungalows des Paares (welches mich im Vorfeld mit wichtigen Informationen versorgt hatte) leer. Grotesker hätte die Situation kaum sein können. Die Lage vor den Wahlen war äusserst angespannt. Die Leute hungerten, viele wurden gefoltert, ermordet und ich plagte mich mit der eminent wichtigen Frage ob ich nun Tennis spielen oder eine Golfrunde drehen sollte. Die Gäste, die sich trotz oder eher wegen allen Widrigkeiten zu Gesprächen einfanden, waren Oppositionspolitikern, illegal eingereiste Journalisten und Wirtschafsbosse. Einen spannenderen Ort, ein Zentrum wo viele Fäden zusammen laufen, die Stichwahlen mit zu verfolgen, gab es kaum. Plötzlich das Knistern der Fernsprechanlage, die Polizei steht am Tor. Alarmstufe dunkelrot. Hals über Kopf rennen die Gäste in den nächtlichen Garten um sich hinter Büschen zu verstecken. Zeit verzögern, ja, ja… wir kommen bald. Verandatüre schliessen, Vorhänge beruhigen. Auch mein Herz beschleunigt, obwohl ich ein unschuldiger Tourist bin und diese Rolle nun auch noch spielen darf. Als einziger Gast sitze ich vor dem Cheminee . Wäre ich nicht ich, würde jetzt ein Film von Schlägertruppen, Folter und schrecklichen Gefängnissen vor dem inneren Auge ablaufen. Huch! Aufatmen, die Polizei suchte nur das nahe gelegene Wahllokal.

Bei einer meiner Einkaufstouren (ich brauchte zwei Tage und klapperte unzählige Läden ab um 1kg Pasta, 3 Brote und 3 kg Porridge, das Essen für die nächsten fünf Tage zu finden), sah ich plötzlich schwarze Rauchsäulen zum Himmel steigen. Ich konnte nicht widerstehen, ich musste herausfinden was da vor sich geht; wer wem die Häuser abfackelt. Die  Velopirschfahrt endete zu meiner grossen Überraschung am Bahnhof. Nicht Gebäude standen in Flammen sondern es wurde rangiert. Da Diesel Mangelware ist und Zimbabwe über reichlich Kohlenvorkommen verfügt, wurden die nur noch für touristische Zwecke genutzten riesigen Dampfloks eingefeuert.

 

Bei einer anderen Tour preschte plötzlich ein Pickup auf die Kreuzung. ZANU-PF (Regierungspartei) Männer springen von der Ladefläche und rennen Stöcke schwingend den informellen Verkäufern hinterher. Diese stürzen davon, die Hälfte ihrer Waren hinter sich lassend. Genau dies bezweckten die hungrigen Schlägertrupps. Nicht den illegalen Verkäufern Bussen verteilen sondern soviel der zurückgelassenen Esswaren wie möglich ergattern, war das Ziel.
Einige Tage später erreichte ich das Weltwunder Victoriafälle. Über 1,7 km Länge stürzen sich die Wassermassen des Zambezis 110 m in die Tiefe. Ein Spektakel das ich unbedingt schon bei Sonnenaufgang besuchen wollte. Aufgebracht, weil die Angestellten mit dem Schlüssel
bereits 30 Minuten Verspätung haben, lasse ich beim Nachtwächter Dampf ab. Er zeigt Verständnis und meint beiläufig, ich solle in der nächsten Nacht vorbei kommen, es sei schon fast Vollmond. Am nächsten Abend um 22.00 Uhr rief ich leise um Einlass. Da ich keine Antwort bekam, kletterte ich kurzerhand über den Zaun und rief im kleinen Ausstellungsraum sicherheitshalber noch einmal Hallo.  Hinter der Theke tauchte zuerst ein Gewehrlauf auf, dann zwei verschlafene Gesichter. Zum Glück erkannte mich „mein“ Wächter, schulterte seine Waffe und begleitete mich zu den Fällen. Der Mund blieb mir offen stehen. Die Werbeplakate hatte ich als Fotomontagen abgetan. Vor mir glänzte mitten in der Nacht in der Gischt der herab donnernden Wassermassen ein Regenbogen, produziert durch indirektes, vom Mond zurückgeworfenes Sonnenlicht.

Die Inflation (oder der Ladenbesitzer) spielte verrückt. Oder lag es an der ausgestorbenen Touristenfalle Victoriafalls? 500g Pasta kosteten 1‘050‘000‘000‘000 Zim $. Eine Zahl die erst umgerechnet in US $ Bedeutung kriegte und mich normalerweise hätte aufatmen lassen. Diesmal nicht, 20 USD hätte das Pack Nudeln gekostet, wenn ich das Geld auf dem Schwarzmarkt gewechselt hätte, gar 51 US$ wenn ich den legalen Weg hätte beschreiten wollen. Da Kameras hier zu jedem Besucher gehören, wagte ich mich ein Foto zu machen. Der Besitzer kam sofort angerannt und verlangte einen Dollar pro Foto. Auf den ältesten Trick zurückgreifend, willigte ich sofort ein und knipste weiter. Wohl wissend, dass er US Dollar erwartete, streckte ich ihm ein paar Millionen wertlose Zim-Dollar hin und stellte mich blöd. Er rief nach der Polizei und ich verliess fluchtartig den Laden. Drei Kilometer vor der ersehnten, rettenden Grenze zu Botswana wurde ich bei einem Checkpoint angehalten. Keine Fahrradklingel wurde mir zur Last gelegt. Die beste Lösung in solchen Situationen ist, freundlich und unterwürfig sein, sich entschuldigen, Geschichten erzählen… aber ich konnte und ich wollte nicht mehr. Unzensiert schleuderte ich ihm meine Eindrücke der Situation in seinem Land an den Kopf - das blödeste was ich tun konnte. Für eine Verhaftung hätten schon die ersten drei Worte gereicht - und darf fahren.

In Botswana blieb ich mit offenem Mund und Tränen in den Augen vor dem ersten Supermarkt stehen. Das erste Mal ist mir der Wechselkurs egal. Let’s go shopping!
Ganz Botswana ist ein einziger Nationalpark, mit den entsprechenden Vor- und Nachteilen. Der Schlaf kommt zu kurz; bei mir leider nicht wegen Frühmorgensafaris. Vier mal nacheinander werde ich in der Nacht belästigt. Zuerst von Elefanten die stundenlange um mein Zelt herum Büsche abfressen und einer sogar an meinem Zelt rüttelt. In der zweiten Nacht schreckte ich wegen Gewehrfeuer hoch. Die Polizei versuchte mit Schüssen in die Luft die Elefanten aus der Stadt zu treiben. Nacht drei war durch Hyänengelächter gestört, Nacht vier von Löwengebrüll.
Einen Abstecher wert war die Kubu-Island, eine Affenbrotbauminsel in topfebenen Salzseen. Der Sand auf der 4x4 Piste war so tief, dass ich umkehren musste. Die einzige in Frage kommende Lösung war quer-salzsee-ein zu fahren. Die Ansprüche an den Orientierungssinn und die Psyche waren gewaltig. Einsam in der endlosen, heissen Fläche drehten sich die  Gedanken bald nur noch um eines. Wo finde ich Wasser? Nach 140 km erreichte ich die neu mit Campingplatz (Wasser selber mitbringen) ausgestattete Insel. Die anderen Besucher waren so erstaunt da einen Radler anzutreffen, dass ich zwei Tage lang zu jeder Mahlzeit von einer anderen Gruppe zum Essen eingeladen wurde.
In Maun, dem Tor zum Okavango - Inlanddelta, bekam ich ein Kajak offeriert, das ideale Verkehrsmittel um lautlos die einmalige Fluss- und Tierwelt zu erkunden. Ich belud das Boot für einen Tagesausflug, legte ab. Platsch! Keine zwei Sekunden hatte es gedauert und ich zappelte im Wasser. Die Balance zu halten war sehr viel schwieriger auf diesen langen, schmalen Rennbooten als ich mir vorgestellt hatte. So schnell wollte ich nicht aufgeben. Auf Trainingsrunden versuchte ich an Stabilität zu gewinnen. Eine lebenswichtige Voraussetzung um Nilpferden und Krokodilen ausweichen und entfliehen zu können. Plötzlich warnte mich ein Fischer, ob ich das Krokodil am anderen Ufer gesehen hätte. Ich wagte meinen Blick nicht abzuwenden vom stabilisierenden Horizont. Auf dem Rückweg warf ich einen Blick auf das in der Sonne badende imposante 2.5 m - Tier. Zu stark darauf bedacht keinen Fehler zu machen, paddelte ich weiter. Immerhin 25 m konnte ich zwischen uns bringen bis ich im Wasser planschte. Zum Glück fressen Krokodile als Kaltblüter im Winter nichts, theoretisch...Enttäuscht musste ich einsehen, dass ich zu ungeübt war für eine mehrtägige Kajaktour.
Ein besoffener Stammkunde an der Camping-Bar meinte spasseshalber, wenn ich eine Herausforderung suche, könne ich ja die 440 km Piste durch die Kalahari direkt in den Norden von Namibia nehmen. Mein Interesse war geweckt. Eine Fahrt durch das abgelegene Bushmen Land tönt viel spannender als die eintönigen 815 Asphalt-kilometer die mich Richtung Windhoek erwarteten. Zwei mal musste ich aufs Immigrationsbüro gehen bis ich die Zusicherung erhielt, dass es dort tatsächlich einen Grenzposten gebe. Drei Tage und viele Velostossminuten durch tiefen Sand später stand ich am Grenzzaun und schrie mir die Seele aus dem Leib. 150 Meter weiter auf einem Hügel lag das Büro der namibischen Zöllner die üblicherweise mit Autogehupe zum Tor gerufen werden. Von der Kultur der San (besser bekannt unter dem despektierlichen Begriff Bushmen) ist nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Jäger und Sammler die nicht mehr Jagen dürfen, können nicht überleben. Der Spagat zwischen moderner Gesellschaft und Tradition ist nicht gelungen. Dank dem durch die Regierung verteilten Maismehl wird überlebt, mit dem spärlichen Einkommen durch den Tourismus meist Tabak und Alkohol finanziert. Eigeninitiative, sei es nach vorne oder zurück, scheint inexistent zu sein.
Vor ein paar Monate hatten Freunde einen Flug nach Kapstadt gebucht um mich besuchen zu kommen. Ich war zu langsam unterwegs, wollte aber unter keinen Umständen ans Kap rasen ohne mich ausgiebig in Namibia umzuschauen. So galt es einen Einstellplatz für das Fahrrad zu finden. Das Glück war einmal mehr mein treuster Begleiter. Von einem Rennradfahrer wurde ich eingeladen. Der Zufall wollte es, dass die südafrikanischen Schwiegereltern seines Bruders mit einem Campingbus nach Hause reisen wollten. Durch zwei Nationalparks tourte ich mit den Safari-Experten, in fünf Tagen runter nach George. Ein Start nach Mass für meine fünf Wochen Ferien vom Reisen.

Simbabwe
Ein Land im freien Fall. Meine Eindrücke sind bereits in den Reiseberichten enthalten. Darum füge ich hier nur noch ein paar haarsträubende Beispiele an die ich erlebte.
Ein Lehrer einer Privatschule zahlte 40 Jahre lang in die Pensionskasse ein. Er kriegte einen Brief mit der Möglichkeit das märchenhafte Vermögen von 1‘300‘000‘000‘000 Zim Dollar sofort auszulösen. Die Währungsumrechnung ist die Faust ins Gesicht - 137 US Dollar.

Ein Nachtwächter, angestellt von einer Sicherheitsfirma, erscheint nicht zur Arbeit. Er streikt, weil er versetzt werden soll. Der versprochener Monatslohn soll 35 Milliarden Zim Dollar betragen. Der Wert am Zahltag 1.33 US Dollar oder 1 ¾  Brote. Beim jetzigen Auftraggeber kriegt er Abendbrot und Frühstück.

Zwei Studenten mussten in den Civil Service, damit sie überhaupt studieren durften. Sie hörten Schreie. Wurden in einen Raum mit einer gefesselten Frau geführt. Als sie sich weigerten, zog der Offizier die Pistole. Vergewaltigen.
Sie lernten wie Gefangene mit Ketten und Stangen zu prügeln sind.
Die Diplomarbeit bestand darin mit dem Auto zum Lake Kariba zu fahren. Plötzlich vernahmen sie eine Stimme aus dem Kofferraum. Ein Mann war eingesperrt in einer Kiste. Als sie die beiliegenden Anweisungen lasen, merkten sie, dass sie beobachtet wurden. Selbst sterben oder die Kiste mit Zement füllen und im See versenken?

Botswana

Botswana war für mich das Zurückkommen in die Supermarktgesellschaft. Das Land ist zu dünn besiedelt um genügend Radfahrer, Wanderer und Reisende anzulocken um für diese ein Netz von Foodstalls einzurichten. Ich liebte das System des afrikanischen Marktes in den nördlicheren Ländern. Was lokal gepflanzt wird, gibt es saisonabhängig am Strassenrand zu Mahlzeiten zubereitet, preiswert zu kaufen. Keine Werbung ist nötig, kein Strom, keine Kühlschränke und kaum Transport. Der Energiepreis steht noch im richtigen Verhältnis zu den Kosten für Arbeitskräfte. Was importierte und industriell verarbeitete Produkte teuer macht, den Güterverkehr niedrig halten lässt.
Der Einfluss von Südafrika, dem grossen Bruder im Süden, ist enorm. Supermärkte sind wieder billiger als der Kleinladen um die Ecke.
Botswana ist eines der sehr wenigen Länder Afrikas mit einer Erfolgsgeschichte. Demokratie und Stabilität bringen dem Land seit Jahren ein zweistelliges Wirtschaftswachstum. Ist nebst den Bodenschätzen ein Grund wohl auch, dass Botswana nie kolonialisiert wurde?
Das Land setzt voll auf Luxustourismus. Jede grössere Lodge verfügt über ein privates Flugfeld. Preise über 600 US$ die Nacht sind keine Seltenheit. Individual-Reisende mieten zumindest einen 4x4 mit Dachzelt oder schliessen sich einem Overlandtruck (das Äquivalent zu einer Busreisetour in Europa, nur dass Pisten gefahren und in der Nacht gezeltet wird) an.

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© 2012 to-adi - Adrian Guggisberg