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... und die Wiedergutmachung
Nach dem Flüchtlingslager (Zambezi Flutkatastrophe 2008), wo ich die Nacht verbringen durfte, würden mich schreckliche sechs Kilometer Sumpfpfade erwarten, dann Übersetzen in einem Kanu und abschliessend 20 km gute Piste nach Marromeo, so wurde mir die Route prognostiziert. Bis nach dem Fluss, stimmte die Beschreibung exakt. Fünf mal, musste ich das Rad vom klebrigen Matope – ein portugiesisches Wort an welches ich mich noch im übernächsten Leben werde erinnern können – befreien, und x Mal durch Pfützen waten. Weginformationen nie ganz trauend, inspiziere ich zu Fuss die ersten paar hundert Meter nach der Kanuquerung. Aufatmen, tatsächlich der Pfad ist trocken. Eine Stunde lang putze ich das Rad, reinige und öle Kette und Kränze. Nach kurzer Zeit im Sattel erreiche ich die Marromeo-Fahrspur. Ein Lastwagen hatte sich durch den Dreck gewühlt und die Piste in einen gepflügten Acker verwandelt. Nach 100 Metern ist die glänzende Kette wieder zur Schlammschlange mutiert. Das nasse Wetter hatte die Moskitopopulation explodieren lassen. Die aggressiven Biester stechen durch T-Shirt und Hosen, sirren um die Ohren und verursachen Husten und Würgen, wenn sie in die Luftansauge gelangen. Die Schlammwülste, Pfützen, Steine und Löcher erfordern höchste Konzentration beim Fahren. Keine Sekunde kann ich den Lenker loslassen um die Plaggeister tot zu schlagen. Wenn das Jucken dann doch unerträglich wird, stelle ich das tapfere Schneiderlein locker in den Schatten. Arme und Beine sind mit Blut verschmiert. In Minuten türmen sich die Wolken zu pechschwarzen Bergen auf. Schon giesst es aus Kübeln. Die Piste wird zur „Eisbahn“. Ein leichtes Ungleichgewicht und das Vorderrad rutscht weg. Hinfallen, aufrappeln. Hände an den Waden, dann an den Radlerhosen abstreichen. In diesem Morast glitschen mir selbst beim Fahrrad stossen die Füsse unter dem Körper weg. Hinfallen, aufrappeln. Verfluche die Mücken, den Schlamm, das Rad das wieder dreckig ist, den Regen, den Idioten der von einer guten Piste gesprochen hat, die Idioten die hier keine richtige Strasse bauen und den Idioten der sich für eine Fahrradreise entschied. Hinfallen, aufrappeln, Mücken totschlagen. Montiere den MP3 Player und drehe bis zum Anschlag auf. Rage Against The Machine. Wütend trete ich in die Pedale. Will Marromeo erreichen. So schnell wie möglich, denn der Worst Case droht. Bitte, bitte Regengott, lass es weiter regnen! Hinfallen, aufrappeln. Kilometer für Kilometer kämpfe ich mich vorwärts. Und plötzlich der Bruch. Die Gedanken ziehen sich zurück Die Wut weicht Tagträumen. Schon längst kann ich nicht mehr dreckiger oder nasser werden. Schlammbädern versuche ich erst gar nicht mehr auszuweichen. Geniesse es, wenn eine neue Ladung Schlamm kühlend in die Schuhe eindringt. Hinfallen, aufrappeln. Nach 10 der 20 Kilometer treffe ich auf den ersten Menschen. Er meint “nur noch 30 Kilometer bis Marromeo.” Als endlich die ersten Zuckerrohrfelder auftauchen, die Marromeo ankündigen, stoppt der Regen so plötzlich wie er angefangen hatte – Worst Case: nach fünf Minuten habe ich den störrischsten Drahtesel der Welt. Alle drei Räder stehen bocksteif, lassen sich nicht mehr bewegen. Die ersten Sonnenstrahlen haben den Schlamm in eine klebrige Masse verwandelt. Das Vorderrad rutscht bei Schiebversuchen ständig weg. Mit blossen Fingern kratze ich den Schlamm ab und lege die Räder frei. Mittlerweile streiche ich die Paste am T-Shirt ab, da Beine und Hosen keinen sauberen Quadratzentimeter mehr aufweisen. Fünf Meter schieben und die Räder blockieren schon wieder. Den Pistenrand säumt ein Streifen mit mannshohem, Arme aufschneidendem Schilf. Obwohl ich noch die letzte Mücke wachrüttle, komme ich dort immerhin vorwärts. Der Wettlauf mit der hereinbrechenden Dunkelheit hat längst begonnen. Plötzlich endet der Streifen. Rad 100 Meter tragen, Anhänger nachholen, Rad 100 Meter tragen… Bin am Ende. Das erste Mal auf meiner Reise komme ich einfach nicht mehr weiter. Irgendwo in diesem Schlamm muss ich das Zelt aufstellen und schweinedreckig in den Schlafsack kriechen. Habe nicht mal mehr Wasser um Reis zu kochen. Als ich mich beim Zuckerrohr bediene um immerhin etwas zum Kauen zu haben, höre ich plötzlich Stimmen, Feldarbeiter die ins Fabrikdorf zurück strömen. Die Rettung. Zu siebt lässt sich mein Gespann viel einfacher tragen. Die Kraft reicht nicht mehr um im Fabrikhotel um den überhöhten Preis zu feilschen. Kurzerhand frage ich den Nachtwächter und verkrieche mich nach einer Dusche in die Gerätekammer. Frühmorgens reisst mich lautes Fluchen aus dem Schlaf des Erschöpften. Der Motor seines Landrovers springe nicht an und er müsse sofort zum Flugfeld, erklärt ein Entnervter. Eine Stunde später sitze ich begeistert, wie als Kind neben dem Bauer auf der Landmaschine, im Cockpit. Mit drei Metern Abstand vom Boden donnern wir im Sprühflugzeug über die endlosen Zuckerrohrfelder, drehen Volte nach Volte. Der Pilot erzählt mir von einem Schweizer Helikopterteam, welches hier Güter und Einsätze fliege. Immer wieder ist in den nächsten Tagen ein Platz frei und ich darf das Zambezi-Delta aus der Luft bewundern. Hoch und Tief liegen bei einer Radreise näher beisammen und sind ausgeprägter. Wer negative Erlebnisse im Nachhinein als Abenteuer verbuchen kann, weist immer ein positives Endergebnis auf. |