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26.06.2008 Lilongwe - Bulawayo PDF  | Print |
Written by Adrian Guggisberg   
Monday, 30 June 2008
Durch Mozambique, hinein ins krisengeschüttelte Simbabwe...


Bereits in Tansania war an meinem Fahrrad eine der drei Rasterhalterungen im Freilauf gebrochen. Das Problem war nicht akut, ich konnte weiter fahren. Deshalb liess ich mir das Ersatzteil mit der normalen Post in die nächste Hauptstadt schicken. Der Cowon (Photospeicher und MP3 Player) war ebenfalls defekt, da die Wiese 10cm unter Wasser stand auf welcher ich mein Zelt am Vorabend aufgebaut hatte.
Der Schweizer Honorarkonsul meldete, dass das erste Paket bereits eingetroffen sei und so kurbelte ich weg vom Lake Malawi hoch aufs Plateau nach Lilongwe. Die Enttäuschung ein paar Tage später - das zweite Paket war noch nicht da. Das Glück und die Chance - auf dem Zeltplatz standen an die siebzig Super-Fahrräder. Das können nur die Spinner von der Tour d’Afrique sein. 12’000 km von Kairo nach Kapstadt. EFI (Every Fucking Inch) in vier Monate für 10’000 USD. Nur wenige fahren auf Zeit, die meisten sammeln Geld für einen guten Zweck und ihr Ziel heisst durchhalten. Die Athleten mit denen ich sprach, beneiden mich ausnahmslos: Mehr Zeit haben, mehr von Land und Bewohnern sehen, nicht immer im Pulk von 80 Leuten die Nächte verbringen...
Die Tätigkeiten des Konsuls und seiner Frau bestehen darin, für mich als Spediteure zu fungieren, die Stadt-Besichtigung zu organisieren, das Visum zu verlängern, den PC in freien Minuten zu nutzen um kundige Leute ausfindige zu machen die sich im südlichen Teil Südafrikas auskennen, und um Pakete weiterleiten. Alles wurden für mich mit ein paar Telefonaten organisiert. Paket 2 war immer noch nicht da als ich ein paar Tage später aufbrach um zum See zurückzufahren. Die letzten Kräfte musste ich mobilisieren um die extremen Steigungen im Lake-Malawi-Nationalpark zu schaffen. “Rumps” - ich flog runter auf die Stange. Der bereits angeschlagene Freilauf war pulverisiert, hatte der Maximalbelastung nicht mehr standgehalten. Das Kurbeln fiel jetzt ganz leicht, leider betrug die zurückgelegte Distanz aber Null. Mühsam schob ich das Rad 11 Kilometer weit ins nächste Dorf. Zum Glück passierte das in einem Nationalpark ohne Löwen. Es blieb mir nichts anderes übrig als mich auf Pickups und Sammeltaxis nach Zomba durchzuschlagen. Eine NGO sollte dort einen Container mit 650 Secondhand-Rädern aus dem Westen bekommen haben. Wie Paket 2 ist auch der Container noch immer nicht in Malawi eingetroffen. Das lange Warten begann. Glücklicherweise durfte ich bei drei Kanadierinnen im Wohnzimmer hausen und einen PC im WFP-UN Büro benutzen. Ich fand sogar ein chinesisches Hinterrad das mir ermöglichte die Umgebung zu erkunden. Drei Wochen später fehlte von Paket 2, jetzt immerhin einen Monat unterwegs, immer noch jede Spur! Ich verwünschte die Abhängigkeit von Hightech- Material und spielte mit dem Gedanken ein 100-USD-Chinafahrrad zu kaufen um immerhin keine Ersatzteilprobleme mehr zu haben. Als die Frau des Konsuls aus den Ferien zurückkehrte, eröffnete sich eine neue Transportmöglichkeit. Nach acht Wochen warten hatte ich endlich überglücklich das Ersatzteil in der Hand, dazu jede Menge Leckereien, von Zweifel-Chips über Nidletäfeli zu Berner Lebkuchen. Es schien mir als werde da liebevoll versucht ein davongelaufenes Tier heim zu locken. Zu Gast bei einem Afrikareisenden, der sich die nächste Freiheit verdient, setze ich das Rad zusammen.
Endlich, endlich on the R(o)ad again!
Ab nach Mozambique. In Quilemane verbrachte ich meine schlimmste Nacht. Ich fragte bei der Polizei ob sie einen Platz für mein Zelt hätten. Freundlich wurde mir eine überdachte Stelle zugewiesen, direkt neben den Zellen. Die schwarzen, sich an Gitterstäbe festklammernden Hände in den heruntergekommenen Baracken erinnerten mich an traurige Filme. Doch dies hier ist keine Leinwand, nicht gespielt, sondern live und echt. In der Nacht schrecke ich auf, höre die Schläge, das Aufheulen und Jammern. Das Gefühl ist sehr beschissen, wenn einem keine andere Möglichkeit bleibt als die Kopfhörer in die Ohren zu stopfen um die Horrorgeräusche auszublenden. Hätte ich das Blut und die Wunden schon in der Nacht gesehen, hätte ich gar kein Auge zugetan.
In Flussdeltas kommt die Handlichkeit des Fahrrads besonders zur Geltung. Mit Leichtigkeit ist das Gefährt in ein Boot oder gar Kanu zu verladen. Auch der letzte Reisende wird noch abgeschüttelt. Im Zambezi-Delta liegt Mozambiques am schlechtesten erreichbare Provinz. Pisten und Pfade stehen regelmässig unter Wasser. Die einst hübschen Kolonialstädtchen sind auch wegen Kriegen zu vernachlässigten Geisterstädten verkommen. Die Stadt Chinde verfügte über vierspurige Strassen, heute fahren noch drei Autos auf der Deltainsel.
Ich bin zurück am Indischen Ozean. Sandstrand soweit das Auge reicht. Für mich alleine.
Unerwartet viel Regen fällt. Die Fusspfade werden zu Sumpfkanälen. Oft treffe ich auf verlassene Hütten, die wegen dem Wirbelsturm Jokwe im Frühjahr verlassen wurden und später auf Flüchtlingslager die noch immer 20’000 Personen eine knappe Unterkunft bieten. Einige der Lager sollen in permanente Dörfer umgebaut werden. Viele Leute aber wollen zurück, zurück zur fruchtbareren Erde.
Mit letzter Kraft (siehe Kurzbericht “Der schlimmste Tag der Reise… ”) entkam ich der Schlammhölle und erreichte die Zuckerrohrplantagen-Stadt Marromeo. Wegen den Regenfällen ist seit Tagen und für weitere Tage die Verbindungsstrasse nicht passierbar und von stecken gebliebenen Sattelschleppern verstopft. Nicht dass es mich weg gezogen hätte. Ein Schweizer-Team, bestehend aus Helikopter-Pilot und Mechaniker/Flughelfer, fliegen Material und Ärzteteams in abgelegene Dörfer. Ihre zimbabwischen Gastgeber gewährten auch mir Asyl. Immer wieder gab es einen freien Platz im Heli den ich begeistert belegen durfte. Das Zambezi-Delta aus der Luft zu betrachten, machte ein kleines bisschen mehr Spass als das Rad durch seinen glitschigen Schlamm zu tragen. Auf unseren Safaris erspähten wir Elefantenfamilien, Büffel, Nilpferde und plötzlich den Big 6. Rote Riesen. Tief in Afrika Schweizer Pistenfahrzeuge, von einem Jagdunternehmen gekauft und Sumpftauglich umgebaut.
Der Zufall wollte es, dass noch mehr Schweizer eintrafen. Die von Andy Leemann geleitete Zambezi-Expedition (www.zambezi-expedition.org ) war nach ihrem Erfolg zum Ausschiffen nach Marromeo zurückgekommen samt ihren Teams von BBC, Deutscher Welle, SF…

Die Strasse war wieder befahrbar und ich startete zu meiner zweiten Afrika-Querung, diesmal von Osten nach Westen. Nächster Staat Simbabwe. Ist es überhaupt möglich ein Land in diesem fürchterlichen Zustand und vor den Stichwahlen zu durchradeln? Sollte ich die Mugabe-Diktatur nicht boykottieren und einen grossen Bogen ums Land fahren? Kann ich Afrika und seine Probleme kennen lernen, wenn ich nur durch Schönwetter-Länder und Touristenparadiese fahre? Wie schon beim Kongo, war der Entscheid längst gefallen, ich werde es versuchen. Einen Kilometer nach der Grenze die erste Tankstelle. Den letzten Tropfen Benzin hatten die immer noch täglich im Total-Überkleid erscheinenden Mitarbeiter vor zwei Jahren gesehen.
An Armut habe ich mich gewöhnt, bin zwangsläufig abgehärtet. In Zimbabwe hatte ich wieder Tränen in den Augen. Die Leute schleichen hungrig und wie geschlagene Hunde durch die Stadt. Vor den Banken stehen Hunderte von Leuten die verzweifelt versuchen ihren Lohn abzuheben. Die Bezugslimiten sind wegen der Inflation von täglich 50% jeden Monat erneut zu niedrig. Geschäfte stehen zu 2/3 leer. Stromausfälle dauern täglich mehrere Stunden. Keine Kasse funktioniert mehr wegen der lahmgelegten Elektronik. Läden werden geschlossen.
Auf dem Schwarzmarkt Geld wechselnd, wurde ich mit 10 USD zum 24 fachen Milliardär. Das Rad war überladen mit Nahrungsmitteln, da mein Geld in ein paar Tagen keinen Wert mehr haben wird.
Die Situation im Land ist vor den Stichwahlen äusserst angespannt. Leute werden von der Mugabe-Partei und ihren Schlägertruppen bedroht, verprügelt, gefoltert und ermordet. Die Hälfte der Leute am Strassenrand wagen nicht mich zurück zu grüssen.
Kommt es doch mal zu einem Gespräch, geht es eine halbe Minute und wir reden über Politik. Ein Thema das ich als Weisser Farmer und Neoimperialist eigentlich meiden sollte. Das Brainwashing ist auf dem Lande - durch Staatsfernsehen, -Radio und Printmedien - so weit fortgeschritten, dass ich ohnmächtig kapituliere. Diese armen Leute haben keinen blassen Schimmer was in ihrem Land passiert und weshalb.
Zehn Tage lebte ich vom Futtervorat auf meinem Rad und schloss mich danach, natürlich selbst verschuldet, den Hungernden an. Zwei Tage lang schlürfte ich nur noch Maismehl und Zucker.
In Masvingo stand ich für vier Brote in der Schlange. Nach zwei Stunden öffnete sich die Tür. Ein Plakat von Robert Mugabe wurde aufgehängt. Immer wieder wurden Leute, die nicht anstehen mussten, von den wachenden Polizisten in die Bäckerei eingelassen, mit der Begründung, es seien gewerbliche Käufer, viel wahrscheinlicher aber sind sie Parteimitglieder. Nach einer weiteren Stunde anstehen war das Brot ausverkauft und ich der Versuchung nahe den mich anlachenden Diktator in Flammen aufgehen zu lassen. Für den geringen Betrag von zusätzlichen 500 Millionen Zim-Dollar schaffte ich es doch noch einem ZANU (PF) T-Shirt-Träger immerhin ein Brot abzujagen.

Froh wie noch selten war ich, in Bulawayo wieder mal eine Einladung zu haben und einen sicheren Hafen anlaufen zu können.

Grüsse aus dem krisengeschüttelten Zimbabwe.
Adrian

 

Malawi
Von Tansania kommend, sprachen die Leute auch in den Dörfern plötzlich wieder Englisch. Der Wandel von Geldautomat zu Gesprächspartner war angenehm und deutlich zu spüren. Deshalb konnte ich öfters wieder Gespräche über Land, Politik und das hier allgegenwärtige Thema HIV/AIDS führen. Die offizielle Prozentzahl liegt bei 14. Wikipedia meldet gar 30% aus inoffiziellen Kreisen. Das Land mitten im AIDS Korridor ist gespickt mit Plakaten und der roten Schleife. ARV sind gratis erhältlich und doch sind die Fortschritte bescheiden. In Schulbüchern werden die gängigen Themen bearbeitet. Warum im Unterricht auf die “afrikanischen” Gerüchte, Sex im Busch sei save und schlafen mit einer Jungfrau sei heilend, nicht eingegangen wird, ist mir ein Rätsel. Bräuche wie das Hyänen-Ritual (die in ruralen Gegenden noch weit verbreitet sind) können katastrophale Folgen haben, d.h. der Dorfchef selber oder ein von ihm ausgewählter Mann lässt eine Frau durch Beischlaf ehefähig werden.
Zum ersten Mal spüre ich den Einfluss der Wirtschaftsmacht Südafrika: für die besser Verdienden gibt es Shoppingcenters, industriell verarbeitete Produkte sind erhältlich, die ersten afrikanischen Touristen sind unterwegs...
Noch heute werden die von Diktator Banda eingeimpfte Moral und Sitten hoch gehalten. Weibliche Hausangestellte knien nieder um mit mir zu sprechen...


Mozambique
Die Nord-Süd Unterschiede sollen enorm sein, was ich nicht beurteilen kann, da ich den absolut untouristischen mittleren Teil des Landes durchradelt habe. Die Spuren des Krieges sind 15 Jahre danach immer noch allgegenwärtig. Oft fühle ich mich zurück versetzt in den Kongo. Strassen, die völlig überwachsen und nur noch mit einem Zweirad befahrbar sind, Lehmhütten zwischen den Ruinen alter stattlicher Häuser, Städte die am Zerfallen sind. Kinder lassen ihr Fahrrad fallen, reissen aus wenn der weisse Mann kommt. Um Kleinkinder zum Weiteressen zu bewegen, droht man ihnen: “Iss den Teller leer, sonst frisst dich der weisse Mann.”
Der Wert der Währung Medical ist nach der 000-Streichaktion hoch, das Problem von fehlendem Wechselgeld akut. Was soll ich mit einer 1000er Note anfangen wenn ich für einen Medical bereits vier Bananen bekomme? Ein paar Mal wurde mir nach verzweifelten Suchaktionen schlussendlich das Brot oder die Früchte geschenkt, weil auf dem ganzen Markt, ja im ganzen Dorf, kein Wechselgeld aufgetrieben werden konnte.

 
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© 2012 to-adi - Adrian Guggisberg