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Vom afrikanischen Sommer in die Regenzeit...
Meine Reise scheint nicht nur mich zu begeistern. In Valencia kam der Papst zu Besuch, in Dar es Salaam George W. Bush. Wer ist der nächste? Ob es eine Folge davon ist, weiss ich nicht, auf jeden Fall waren auch die günstigsten Absteigen in meinem Preissegment ausgebucht. Nach fünf Stunden durch die Stadt kurven und ständig Absagen erhalten, wähle ich die Nummer eines Bruders einer tansanischen Mitarbeiterin der Schweizer Botschaft in Nairobi. Er vermittelt mich weiter an seine Schwester, die ein neu gebautes Haus mit grossem Garten besitzt. Natürlich darf ich nicht das Zelt in den Garten stellen, wenn schon ein freies Zimmer frei sei. Das erste Mal bei einer afrikanischen Mittelstandsfamilie eingeladen, werde ich wie ein zusätzlicher Sohn überall hin mitgenommen. Von einer Send-Off Party (die Familie verabschiedet die Braut) über die anschliessende Hochzeit bis zu einer Beerdigung (ein Kleinflugzeug war abgestürzt, die fünf Insassen umgekommen und einen Radfahrer erschlagen worden) bin ich mit von der Partie. Zwei Staatsanwältinnen zeigen mir ihre Stadt Dar es Salaam und im Swiss Garden Hotel darf ich meine Webseite updaten und meine neue Sucht befriedigen. Wie Frederik Sonnenstrahlen für kalte Winternächte sammelt, bunkere ich Podcasts über Politik, Wirtschaft und das Weltgeschehen von der BBC-, der Deutschen Welle und der DRS-Webseite als Vorrat für die Stunden während denen ich dann wegen der Regenzeit ins Zelt verbannt sein werde. Ausser dass der Verkehr noch chaotischer ist (auf jeder Kreuzung der Innenstadt steht ein Lastwagen quer), einige wenige Strassen gereinigt worden sind und die Plakatwände mit “Thank you for your support in fighting Malaria” und ständigem Sirenengeheul, habe ich von dem hohen Staatsgast nichts mitbekommen. Die Gerüchte warum Bush wirklich zu Besuch gekommen ist, sind vielfältig. Von geplanten Militärbasen über Interesse am kürzlich entdeckten Uranvorkommen bis hin zu – wie könnte es anders sein – Erdöl, wird alles geboten. Selber nähen des goldenen Fallschirms? Mit den halben Songs von Kuno in den Ohren, mache ich mich auf in Richtung Malawi. Man darf mich der Kilometerfresserei bezichtigen, aber mir machte es Spass auf guter Strasse mit Tagesetappen von 150 km und mehr wieder mal den sportlichen Aspekt des Radelns auszukosten. Da meine Gastgeberin in Dar früher in diesen südlichen Provinzen gearbeitet hat, bin ich mit Adressen in vielen Städten bestückt worden. Mit SMS angekündigt, fahre ich besser überwacht als ein DHL-Paket in den Südosten. Die Abfahrt von Tansania zum See Malawi ist berauschend. Wie ein Gepard dem Impala hinter her, fliege ich der Grenze entgegen. Singend geniesse ich die Schussfahrt…65, 70, 75 km/h sschhhh… Gegenanstiege walze ich in grossen Gängen und Wiegetritt spielend hoch –pla.... schwank..... Taumel - mein Fahrrad ist besoffen! Um den Leuten begreiflich zu machen wie wichtig mir das Rad ist, sage ich jeweils es sei mein Auto, mein Haus und meine Frau. Meine Frau hat einen offenen Beinbruch, dem Haus hat der Sturm das Dach weggefegt und das Auto hat einen Getriebeschaden. Ein Rahmenbruch ist einfach zu diagnostizieren! In der rechten Strebe von der Kurbel zum Hinterrad, klafft eine Spalte, die sich bei jedem Tritt wie ein nach Luft schnappender Mund öffnet. Mit einem Rohrklemmen- und Kabelbinder-Gebastel schaffe ich die 70 km in die nächste Stadt. Von dort aus schreit der ach so grosse Abenteurer elektronisch laut um Hilfe. Und wird erhört. In China, Spanien, Deutschland, Taiwan und der Schweiz machen sich Leute daran das Schweissverfahren, den Ablauf und den besten Schweisszusatz zu bestimmen. Ein Motorradreisender nimmt mir fast die Hoffnung als er erzählt, sie hätten tagelang erfolglos in der Wirtschaftsmetropole Nairobi nach einer TIG - Schweiss-Möglichkeit gesucht. Ich klappere Werkstätten ab, sammle Informationen was hier alles möglich ist - erschreckend wenig - und warte auf E-Mail Antworten. Nach fünf Tagen wird es mir in meinem Städtchen langweilig. Ich entscheide mich mit dem Bus nach Mzuzu, der grössten Stadt im Norden von Malawi, zu fahren, um dort die Schweissmöglichkeiten abzuchecken. Das Glück im Unglück beginnt. Neben meinem Zelt steht eine laut schwatzende Gruppe Frauen, die mich zum Essen (Schwein und Chips aus einem 50 l Plastikeimer) einladen. Der Fanclub des Mzuzu - Universitätsfussballteams fragt seinen Dozenten, ob es für mich im Bus Platz hätte. Die Passagiere werden noch etwas mehr zusammengedrängt damit für mich zusätzlichen Mitfahrer auch noch eine Stehplatzlücke entsteht. Bei der Ankunft lädt der Professor mich ein und ich darf an der Uni seinen PC und die schnelle Internetverbindung benützen. Sein Bruder, in einer südlicher gelegenen Cocacola-Abfüllfabrik arbeitend, beginnt sofort mit dem Networking. Freudig überbringt er uns die Nachricht, dass die TIG-Schweiss -Einrichtung ihr neues Baby in Mzuzu sei! Unglaublich! Mit einem A4 Blatt voller Anweisungen, von der Stromstärke über wie die Bruchstelle angefeilt werden muss, befiehlt der Muzungu, der selber keine Ahnung vom Schweissen hat, dem ausgebildeten Personal was sie zu tun haben. Zusätzlich zur Naht basteln wir noch eine Winkelstütze, um den Rahmen etwas zu entlasten. Zwei Wochen nach dem Bruch sitze ich wieder auf dem Rad und pedale in Richtung Norden. Um meinem Ehrgeiz Rechnung zu tragen und der schönen Livingstonia-Gegend wegen will ich die Buskilometerlücke füllen. Als ich um die Erlaubnis frage einen Tabaktrocknungshangar zu fotografieren, werde ich von einer Witchdoktorin eingeladen. Für den Gast wird getanzt und getrommelt. Der nächste Tag zieht ins Land, ich bleibe noch, weil ich mir geschworen habe mich bei Regen nicht auf die Lateritpisten zu begeben. Dieser Schlamm ist verfluchter als der im Kongo. Zweikomponenten-Kleber, Laterit und Wasser. Man kommt genau zwei Radumdrehungen oder 4,05 Meter weit bis die Räder blockieren. Dann ist auch der extra erweiterte Raum zwischen Schutzblech und Reifen zugepappt. Ohne Schutzbleche geht’s etwas länger, dafür dienen idealerweise die Kette und der Rahmen als Schlammabstreifer... Plötzlich reissen die Wolken doch noch auf und ich fahre los. Nach ein paar Kilometern wird mir schwindlig. Ich schaffe es knapp bis zu einer Schule und darf das Zelt im Garten des Headmasters aufbauen und schwanke zum Schlafsack. Ich wache auf, und es dreht sich die Welt noch immer um mich. Ich sehe Sterne. Und was ist das? Ein fliegender Elefant? Der Headmaster schleppt mich sofort zum Spital. Dieser Zustand erinnert mich stark an meinen ersten Malariaanfall und den dadurch verursachten Hämoglobinmangel. Das Blut kann mangels Labor nicht getestet werden, aber die rote Augenadernhaut gibt Entwarnung. Abwarten. Nach acht Stunden ist der Spuk vorbei, Tunnelblick und Schwindel verschwunden. Erst jetzt denke ich an meine Gastgeberin. Ein afrikanischen Zauber oder ein hübscher Pilz der Frau Hexendoktorin? Mit der Ilala, dem seit 60 Jahren im Einsatz stehenden Fährschiff, gondle ich auf Likumu Island. Fahrrad und Bob kann ich zum Glück im Staff- und Kate Winslet only-Bereich unterbringen, bevor ich mich zurück ins Gedränge der Economyclass begeben muss. Da ich von Anfang an meinen Platz gegen Hühner, Bananenbünde, Ölfässer, AdA und Aquariumfische verteidige, kann ich sogar die Liegematte auf der Ladeluke ausrollen. Ein Komfort der geteilt werden will. Wie das Licht die Motten zieht meine Matte nach „Weich“ suchende Köpfe an. Auf die Seite drehen, schwups der Platz ist belegt. Nicht nur neben mir füllt sich jede Lücke augenblicklich, sondern auch jede Spalte über und unter mir. Wer nicht nach einer halben Stunde erwacht, um sich zurück an die Oberfläche des Körpermeers zu kämpfen, droht unter zu gehen. Die Erleichterung ist gross, als endlich die Schiffsscheinwerfer das Chaos erhellen, die Rettungsboote gewassert und Fracht und Passagiere an Land gebracht werden. Da die Fähre erst in fünf Tagen wieder anlegt, sind wir paar Reisenden auf der 2.5 x 6 km grossen Insel „gefangen“. Im Monkey Island (TM) Style wandern wir über die Insel, fragen uns zur Kirche oder dem Wichdoktor und Wahrsager durch oder suchen den geheimnisvollen Baum. Ich habe mich endlich durchringen können einen Tauchkurs zu machen. Am Starttag ist die Divemasterin verschwunden. Genervt teilt sie uns später mit, dass ihr Chef den Lizenzverlängerungstermin verpasst habe und sie keine Kurse erteilen dürfe. Zurück auf der Ilala und auf dem Deck der 1. Klasse, checkte ich das erste Mal in meinem Leben per Handy der Camp-Managerin, mittels GPRS mein Gmail-Konto. Vom Ticketkontrolleur in die Economy-Class verbannt, holt mich der afrikanische Alltag wieder ein. Jetzt, viel zu spät, ist nur noch ein Liegeplatz frei, der unter dem Toyota Prado. Ich zwänge mich unter das Auto und werde erst geweckt, als eine Gurtenfestival-ähnliche Plastikspannhektik ausbricht. Ich ziehe Kopf und Füsse ein, muss meinen Platz zweimal gegen Eindringlinge verteidigen und werde nur noch von den besoffenen Soldaten, die immer wieder meinen Namen rufen und das bei jedem Wellental auf die Schulter tippende Chassi gestört. Dem See entlang geht es der wohl grünsten Hauptstadt Afrikas, Lilongwe, entgegen. Wie mein Reiseweg verlaufen wird, steht noch in den Sternen bzw. hängt davon ab, ob Robert Mugabe das Kenyamodell wählt… Zu den Bildern Tansania Tansania ist eines der politisch stabilsten Länder in Afrika. Stammesprobleme wie sie kürzlich in Kenia aufgeflammt sind, gibt es kaum. Ein Verdienst der hauptsächlich Nyerere, dem sozialistischen Präsidenten für die 30 Jahre seiner Präsidentschaft nach der Unabhängigkeit, angerechnet wird. Es ist untersagt an einem Einstellungsgespräch nach der Stammeszugehörigkeit zu fragen. Wirtschaftlich war er weniger erfolgreich. Trotz jahrelanger intensiver Entwicklungshilfe ist das Land nicht viel weiter gekommen als seine Nachbarn. Im Voraus rechnete ich nicht damit, dass ich in Tansania Sprachprobleme haben würde. Englisch ist nach Suaheli aber erst die zweite Fremdsprache, für die nationale Kommunikation nicht notwendig und wird erst in der Secondary School erlernt. Wenn ich am Nachmittag von Jugendlichen mit „Hello Teacher“ begrüsst werde, hinterlässt das Bildungswesen einen zwiespältigen Eindruck. Meine Velosattel-Pisastudie kommt zum Schluss, dass fächerübergreifendes Denken ausgeprägt ist. Von der weissen Hautfarbe (Biologie) wird sofort auf fremde Länder (Geografie) und fremde Sprachen geschlossen. Der Englischlehrer jedoch scheint mehr Wert aufs Auswendiglernen gelegt zu haben…Auf Sansibar werde ich von den Kindern gar mit ciao, ciao begrüsst. Kein Inselbewohner kann mir erklären, warum die Insel so stark Italienisch geprägt ist. Erst eine BBC - Journalistin klärt mich auf. All die schönen Touristenressorts würden der italienischen Mafia als Geldwaschmaschinen dienen. Noch nie habe ich ein so vielfältiges Land durchfahren. Von Schneebergen über Sandstrände zu einsamen Savannen und aktiven Vulkanen ist alles in fesselnder Schönheit vorhanden. Dazu kommt sämtliches Grosswild Afrikas, das sich nicht nur in den Parks befindet. Zu den Bildern |